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Zivilisation – Mythos und Wirklichkeit

Von Boris Forkel / Deep Green Resistance Germany

Deep Green Resistance steht für den Widerstand gegen die westliche Zivilisation. Für viele Menschen mag dies sehr neu, fremd und berechtigterweise auch erschreckend klingen; viele Menschen assoziieren mit dem Begriff „Zivilisation“ etwas positives. Man kommt als in diese Kultur hineingeborener Mensch nicht ohne weiteres auf die Idee, die eigene Kultur zu hinterfragen, und noch weniger, sie als Problem wahrzunehmen. Hier setzt die Analyse von DGR an.

Was ist Zivilisation?

Die Geschichte beginnt vor etwa 7.000-10.000 Jahren, als Menschen aufhörten, grunzend in Höhlen zu leben, die Landwirtschaft erfanden und allmählich sesshaft wurden. Landwirtschaft und Sesshaftigkeit ermöglichten den Bau von immer größeren Städten, Innovationen wie Geldwirtschaft führten zu Handelsbeziehungen und einer immer komplexeren Arbeitsteilung. Die Entwicklung von Schriftsystemen ermöglichte es, buchstäblich Geschichte zu schreiben. Von nun an begann eine Phase konstanter Entwicklung mit immer höheren, komplexeren Formen von Technologie. Die Zivilisation war so erfolgreich, dass sie sich bis heute nahezu über die ganze Welt verbreitet hat.

Dies ist ein Versuch, den gängigen Mythos zu beschreiben.

Fabian Scheidler liefert in seinem Buch „Das Ende der Megamaschine“1 einen weiteren Versuch:

„Die Standardversion – der Mythos der westlichen Zivilisation – erzählt von einem Prozess mühsam errungenen Fortschritts, der trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge im Endergebnis zu mehr Wohlstand, mehr Frieden, mehr Wissen, mehr Kultur und mehr Freiheit geführt hat. Kriege, Umweltverwüstungen und Völkermorde sind in dieser Version Ausrutscher, Rückfälle, Rückschläge oder unerwünschte Nebenwirkungen eines im Großen und Ganzen segensreichen Prozesses zunehmender Zivilisierung.“

Wikipedia liefert folgende Definition:

Als Zivilisation (von lateinisch civis: ‚römischer Volksangehöriger‘, ‚Städter‘; seit dem Hochmittelalter ‚Bürger‘) wird eine menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. Allgemeingültige Kennzeichen für Zivilisationen sind die Staatenbildung, hierarchische Gesellschaftsstrukturen, ein hohes Maß an Urbanisierung und eine sehr weitgehende Spezialisierung und Arbeitsteilung.2

Laut Derrick Jensen ist Zivilisation (…) eine Kultur – bestehend aus einem Komplex aus Geschichten, Institutionen und Artefakten – die zum Wachstum von Städten führt und sich gleichzeitig aus diesem herausbildet (…), mit Städten definiert als – um sie von Lagern, Dörfern und so weiter zu unterscheiden – Menschen, die mehr oder weniger permanent an einem Ort und in einer Dichte leben, welche den routinemäßigen Import von Nahrungsmitteln und anderen Notwendigkeiten des Lebens erfordern. Somit wäre ein Tolowa Dorf vor fünfhundert Jahren, wo ich lebe in Tu’nes (…), welches nun Crescent City, Kalifornien heißt, keine Stadt gewesen, da die Tolowa einheimischen Lachs, Muscheln, Hirsche, Heidelbeeren und so weiter aßen und keinen Bedarf hatten, Nahrungsmittel von woanders zu beschaffen. Somit wären, nach meiner Definition, die Tolowa, deren Lebensstil nicht durch das Wachstum von Städten charakterisiert war, nicht zivilisiert. Die Azteken auf der anderen Seite waren es. Ihre soziale Struktur führte zwangsläufig zu großen Stadtstaaten wie Iztapalapa und Tenochtitlan, von welchen der letztere, als Europäer auf ihn stießen, weit größer war als jede Stadt in Europa, mit einer Population fünfmal der von London oder Sevilla.“3

Deep Green Resistance verwendet Derrick Jensen‘s Definition von Zivilisation. Da Zivilisation per Definition nicht nachhaltig ist und es niemals sein kann und zudem auf weit verbreiteter Gewalt basiert, treten wir für eine Kultur des Widerstands und die Schaffung von Alternativen ein.

Zivilisation sieht meist auch nur aus der Perspektive der Zivilisierten gut aus; Samuel Huntington drückt es sehr treffend aus: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion (zu der sich nur wenige Angehörige anderer Kulturen bekehrten), sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“4

Gerade wir Mitglieder der westlichen Zivilisation täten daher gut daran, auf die Stimmen der Anderen zu hören. Neben indigenen Völkern, die von der Gewalt unserer Kultur am härtesten getroffen wurden und werden, sind es nicht selten Ethnologen, die in der Lage sind, unsere Kultur von einer Außenperspektive zu sehen:

Auf seinen Forschungsreisen stieß Lévi-Strauss auf eine Stammeskultur, die ihm reizbar und brandgefährlich erschien. Sie plünderte die Natur, verwüstete ganze Landstriche, verehrte affige Götzen, massakrierte ihresgleichen und war berüchtigt für ihre historischen Gemetzel. Inzwischen hat diese exotische Stammeskultur alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen und beherrscht die Welt. Ihr Name lautet »Zivilisation«“.5

Der Osage Häuptling Big Soldier sagte über die dominante Kultur:

„Ich sehe und bewundere eure Art zu leben… kurz gesagt könnt ihr fast alles tun, was ihr wollt. Ihr Weißen besitzt die Kraft, fast jedes Tier eurem Nutzen zu unterwerfen. Ihr seid umgeben von Sklaven. Alles um euch herum ist in Ketten und ihr seid selbst Sklaven. Ich habe Angst, dass wenn ich mein Bestreben gegen eures eintausche, auch ich ein Sklave werden muss.“6

Und noch’n Gedicht:

„Zivilisation, Zivilisation, Stolz der Europäer… Wonach du auch strebst, was du auch tust, immer bewegst du dich in der Lüge. Bei deinem Anblick fließen die Tränen, schreit der Schmerz. Du bist die Gewalt, die vor dem Recht gilt. Du bist keine Fackel, sondern eine Feuersbrunst. Alles, was du anrührst, verzehrst du.“
Rabindranath Tagore

  1. Fabian Scheidler (2015): Das Ende der Megamaschine; Promedia
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilisation
  3. Derrick Jensen (2006): Endgame Vol. 1 „The Problem of Civilization“, s. 17f
  4. Samuel P. Huntington (1996): Kampf der Kulturen, S. 69f
  5. Nachruf aus der „Zeit“
    http://www.zeit.de/2008/48/Levi-Strauss-100/
    Claude Levi-Strauss (1978): Traurige Tropen, Surkamp
  6. https://unsettlingamerica.wordpress.com/2012/02/12/derrick-jensen-civilization-decolonization/

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