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Wie beginnen wir die Reise zurück in das Erinnern?

Dies ist ein übersetztes Transkript von Deep Green with Derrick Jensen 014:
How Do We Begin The Journey Back To Remembering?

 

Von Derrick Jensen

Die Verleugnung selbst basiert auf unserem Vergessen. Wie beginnen wir die Reise zurück in das Erinnern?

„Wenn wir die Grausamkeiten stoppen wollen, müssen wir eigentlich nur aus der Isolation heraustreten. Da ist eine ganze Welt, die auf uns wartet, bereit uns Zuhause willkommen zu heißen.“

Dies ist ein Zitat aus A Language Older Than Words.1

Für Unterdrücker –gleich, ob es sich um unterdrückerische Individuen oder eine ganze unterdrückerische Kultur handelt– ist die Kontrolle der Wahrnehmung ihrer Opfer eines der wichtigsten Dinge, das sie tun müssen. Denn wenn der Unterdrücker –und dies trifft zu auf Individuen, eine gesamte Kultur oder eine Regierung– seine Opfer überzeugen kann, dass der Missbrauch tatsächlich etwas Natürliches, etwas Unvermeidliches ist, dann gibt es keinen Anlass für die Opfer, Widerstand zu leisten.

Der erste Schritt ist also sich zu erinnern, zu verstehen und zu lernen, dass nicht jede Beziehung missbräuchlich ist. Und zu lernen, dass nicht jede Kultur ihre Landbasis zerstört hat. Dies war ein sehr wichtiger Teil meines Verstehens. Mir wurde klar, dass es all diese indigenen Kulturen gegeben hat, die ihre Landbasis nicht zerstörten. Die Tolowa, auf deren Land ich lebe, lebten hier für mindestens 12.500 Jahre, ohne diesen Ort zu zerstören.

Wenn du verstehst, dass es Kulturen gibt, die ihre Landbasis nicht zerstören, führt uns das zur Frage nach dem Unterschied. Warum sind manche Kulturen so? Und es führt uns zu einer Erkenntnis. Wenn eine Kultur es kann, muss jede andere es auch können. Man kann die Kultur verändern, sodass sie sich an das Land anpasst.

Genauso mit Beziehungen. Wenn du dich in einer Beziehung befindest, die missbräuchlich ist, hilft dir die Erkenntnis, dass es Beziehungen gibt, die nicht missbräuchlich sind, dich aus einer missbräuchlichen Beziehung zu befreien. Wenn du andererseits glaubst, dass alle Beziehungen missbräuchlich sind, ist deine Beziehung vielleicht noch die am wenigsten schlimme und du bleibst dabei. Die Erkenntnis, dass es nicht-missbräuchliche, nicht-unterdrückerische Beziehungen gibt, ändert alles. Dasselbe gilt für die Erkenntnis, dass es Kulturen gab und gibt, die eine sehr niedrige Quote von Vergewaltigungen hatten, oder sogar Vergewaltigung garnicht kannten. Wenn dir dies klar wird, fragst du dich, warum wir uns mit dieser Kultur und ihrer hohen Rate an Vergewaltigungen abgeben?

Ein weiterer Grund für Unterdrücker und ihre Kontrolle über die Wahrnehmung der Opfer ist die Identifikation des Opfers mit dem Täter. Die Unterdrücker wollen, dass sie wollen, dass sich ihre Opfer mit ihnen identifizieren.

Ein notwendiger Schritt, um dich aus jeglicher Form missbräuchlicher Beziehung und Unterdrückung zu befreien ist es, deine Identifikation mit dem Täter zu brechen und wieder mehr auf dein eigenes Wohlergehen und das deiner Familiezu achten anstatt auf das Wohlergehen der Täter. Dies ist ein wichtiger und schwieriger Schritt, insbesondere weil alles in dieser Kultur uns lehrt, uns mit den Unterdrückern zu identifizieren, mit den Tätern des Missbrauchs.

Es wurde und wird argumentiert, dass vieles von dem, was Weiblichkeit ausmacht, eigentlich aus männlichen Identifikationen und dem Durchspielen von vielerlei Arten von post-traumatischen Belastungsstörungen besteht. Der manchmal fast schon wahnsinnige Eifer gefallen zu wollen. Die Bereitschaft, Männer über Frauen zu stellen.

All dies muss gebrochen werden.

Der erste Schritt hin zum Erinnern ist, zunächst einmal zu erinnern, dass du existierst. Und das du unabhängig von dem Unterdrücker existierst. Der nächste Schritt ist das Erinnern, dass es andere Wege gibt zu leben, und diese zu finden. Aber der Unterdrücker wird dich auf jedem Schritt dieses Weges bekämpfen.

Die Verleugnung selbst basiert auf unserem Vergessen. R.D. Laing hat perfekt beschrieben, wie Unterdrücker versuchen, ihre Opfer davon abzuhalten, sie zu verlassen. Er redet über zwei Menschen mit den Namen Jack und Jill. Wenn es Jack gelingt, etwas zu vergessen, erinnert ihn Jill immer wieder daran. Es könnte zum Beispiel sein, dass Jack missbräuchlich ist, und Jill ihn daran erinnert, dass nicht in allen Beziehungen Männer ihre Frauen schlagen. Es könnte aber auch die Erinnerung daran sein, dass dieser Lebensstil nicht nachhaltig ist. Jack hat vergessen, dass es indigene Kulturen gegeben hat, die nachhaltig gelebt haben. Vielleicht sind es Menschen innerhalb dieses Patrarchats, die wollen, dass wir vergessen, dass es Kulturen gab, die ohne Vergewaltigung lebten. Oder es könnte ein individueller missbräuchlicher Täter sein, der will, dass die Mitglieder seiner Familie vergessen, was er getan hat.

Also, wenn es Jack gelingt, etwas zu vergessen, ist dies ziemlich sinnlos, wenn Jill ihn immer wieder daran erinnert. Er muss sie dazu bringen, dies nicht mehr zu tun. Der sicherste Weg wäre, sie nicht nur zum Verstummen zu bringen, sondern dafür zu sorgen, dass auch sie vergisst. Jack kann auf verschiedene Arten auf Jill einwirken. Er kann dafür sorgen, dass sie sich schuldig fühlt, wenn sie das Thema erwähnt. Er kann ihre Wahrnehmung anzweifeln oder für falsch erklären. Dies kann mehr oder weniger radikal geschehen. Er kann es als unwichtig oder trivial ablehnen, wenn etwas für Jill wichtig ist. Er kann Jill‘s Erfahrungen als Fantasien abtun, behaupten, sie bilde sich all dies nur ein. Er kann die Richtigkeit ihrer Erinnerungen infrage stellen und behaupten, alles wäre anders passiert. Schließlich kann er nicht nur die Bedeutung, die Modalitäten und die Inhalte infrage stellen, sondern ihre grundsätzliche Fähigkeit, sich zu erinnern. Er kann dafür sorgen, dass sie sich schuldig fühlt, wenn sie es tut.

Dies ist nicht ungewöhnlich. Menschen tun solche Dinge ständig. „Wie kannst du sowas nur denken?“ Oder „Du bist paranoid.“

Ich denke, der erste Schritt hin zum Erinnern besteht darin, dem Unterdrücker deine Loyalität zu entziehen. Und danach ist es sehr wichtig, Sicherheit zu haben, sich von dem Unterdrücker entfernen zu können und andere Sichtweisen zu erfahren. Einen Raum zu haben, in dem man langsam erinnern2 kann, um wieder zu heilen, wieder ganz zu werden. Dies braucht Zeit, und es braucht andere Stimmen neben der des Unterdrückers.

Eine weitere große Schwierigkeit ist, dass dieser Prozess des Erinnerns unglaublich schmerzhaft sein kann. Natürlich ist er auch freudvoll, hinsichtlich der Befreiung von dem Unterdrücker, aber er ist auch sehr schmerzhaft, denn es ist eine Metamorphose wie der Übergang von der Raupe zum Schmetterling. Man muss sein gesamtes Dasein neu gestalten, seine ganze Identität neu erfinden, denn man hatte sich ja zuvor mit dem Unterdrücker identifiziert. Mann muss diese Identifikation brechen, und brechen ist sehr schmerzhaft, und man muss auch seine Abhängigkeit von eben dieser Identifikation brechen. Dann wird eine neue Identität wachsen, und gleichzeitig erinnert man sich an seine alte Identität. In jedem Fall muss man sich rekonfigurieren, umarbeiten, erneuern, und sich daran erinnern, wer man wirklich ist. Dies kann unglaublich schmerzhaft sein. Teil dieses Prozesses ist es, zu erkennen was du getan hast und was und wer du geworden bist, während du unter dem Netz des Unterdrückers warst.

Dies ist der eigentliche Sinn der Beichte in der katholischen Kirche, die aus anderen Gründen natürlich sehr problematisch ist. Dies ist auch Teil einer Stufe im Prozess der Anonymen Alkoholiker. Wenn du dir der Dinge bewusst wirst, die du getan hast, als du in Netz der Sucht gefangen warst.

Es ist wahr, wenn es um die Flucht aus einer missbräuchlichen Beziehung geht, oder auch wenn es um de-kolonialisierung geht. Jack Forbes hat darüber geschrieben, wie man, um wirklich zu de-kolonialisiseren, die Erniedringung der Scham über seine eigene Partizipation fühlen muss. Und man muss es anerkennen, ohne sich selbst dafür bestrafen zu wollen, ohne zu sagen „ich bin ein schlechter Mensch“, weil dies passiert ist. Dies ist auch sehr wichtig.

Judith Herman sagt, dass es eines der effektivsten Werkzeuge des Unterdrückers ist, seine Opfer dazu zu bringen, ihre eigene Moral zu verletzen. Wenn sie das Opfer dazu bringen können, Dinge zu tun, die es ekelhaft findet. Denn sie wissen: wenn sie das Opfer auf diese Art gebrochen haben, besitzen sie es völlig.

Das gleiche wird berichtet über Juden im Holocaust. Einer der Überlebenden sagte, womit sie dich wirklich kriegten ist, wenn du dich selbst für sie betrügst. Wenn die Unterdrücker dies geschafft haben, können sie sich zurücklehnen und brauchen sich nicht mehr mit physischen Übergriffen abzugeben, da das Opfer sich selbst bestrafen wird. Ich kannte Frauen, die mit missbräuchlichen Unterdrückern zusammen waren, die sie beispielsweise zur Prostitution zwangen. Wenn die Opfer das einmal getan haben, unterdrücken sie sich selbst, und er muss sie nicht mehr länger schlagen. Dies ist Teil des Prozesses der Zerstückelung, der Zerstückelung der verschiedenen Teile unserer Körper.

Ich möchte auch sagen, dass wenn du einmal in Sicherheit bis, weg von dem Unterdrücker, dies nicht gleich bedeutet, dass der Kampf vorüber ist. Der Prozess des Erinnerns kann lang und schmerzhaft sein. Viele Menschen machen ihn nicht durch, weil er so schmerzhaft ist und soviel Arbeit verlangt. Aber alles, was ich über diesen Prozess sagen kann ist, dass er es –zumindest für mich– wert war. Der langfristige Gewinn war den kurfristigen Schmerz des Erinnerns wert.

Denn nun weiß ich, wer ich bin.

Übersetzung: Boris Forkel

  1. Derrick Jensen (2000): A Language Older Than Words, Souvenir Press
  2. Das englische „Remember“ kann vom Wortstamm her auch als „wieder zusammenfügen“ übersetzt werden (Re-member)

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