AllgemeinZivilisation

Das Leben vor dem Tod

Von Timothy S. Bennett

Was ist mit mir passiert? Es ist diese Frage, die mich in dieser Endzeit verfolgt. Was ist passiert, das mich mit diesem Gefühl zurück lässt, so kaputt, so zerbrochen, so verwirrt? Warum bin ich so unfähig, zu vertrauen?

Warum sind so viele meiner Tage angefüllt mit Angst, die so verwirrend ist, dass meine Kraft und meine Leistungsfähigkeit leiden? Warum bin ich immer so alarmiert? Warum kann ich keine Ruhe finden? Warum fühle ich mich so gottverdammt beschissen? Es fühlt sich nicht an, als sollte es so sein. Ist das die Natur des Menschen? Ist die Erde, die Spezies, das Universum, das große Hologramm der Realität™ selbst wirklich so gleichgültig, so hart, so unsicher? Oder ist etwas mit mir passiert, weit weg im Grau der Erinnerung, dass mich hinausgeworfen hat aus dem Geburtsrecht als verbundenes, liebendes, und zugehöriges menschliches Wesen? Was ist mit mir passiert?

Ich fühle mich ein wenig seltsam manchmal, über diese „persönlichen“ Dinge zu grübeln in solch folgenschweren Zeiten. Die Doomer™, gesegnet ihre Herzen, schlagen sich um das Akronym NTE – near-term-extinction (baldiges Aussterben) – und nicht ohne Grund, wenn man sich Daten und Analysen über das Klima, Ressourcen™ und die Umwelt anschaut. Unabhängig davon, ob wir den Weg des Dodo1 gehen, sind wir sicherlich auf dem Weg des „Oh!“, der massenhaften Totenbett-Offenbarung, das die Dinge die, wir™ getan haben, nicht funktioniert haben, dass wir™ die Dinge nicht unter Kontrolle haben, und dass unsere™ Hühner, die sich zum Schlafen auf die Stange setzen, jetzt um jedes letzte Stückchen Futter kämpfen werden.

Aber für mich sind meine persönliche Suche nach Heilung und das globale Dilemma auf komplizierte Art miteinander verbunden. Es ist nicht nur „was ist mit mir passiert?“, sondern „was ist mit UNS passiert?“, und die Antworten und Einsichten können nicht nur einen Grund und eine Erklärung für unser derzeitiges Dilemma enthüllen, sondern auch einen möglichen Weg vorwärts, weiter, und sogar hindurch und darüber hinaus. Wir sind wo wir sind. Es ist was es ist. „Dies ist Wasser.“ Also wie können wir, sogar in dieser Endzeit, und wenn es nur eine geringe Anzahl von uns ist, und obwohl sich die dereitigen Systeme vor unseren Füßen verbiegen, winden, zerfasern, lernen, was zu lernen ist, tun, wofür wir hergekommen sind, in die Bewusstheit, Klarheit, Wachheit, Reife und Freiheit gehen und finden, was David Foster Wallace in dieser schönen, bewegenden Rede „heilig“ nennt?2

Ist die größte Bedrohung durch Tod und Aussterben für diejenigen von uns, die in dieser verrückten Welt aufgewachsen sind, dass sie über uns kommen werden bevor wir eine Chance hatten, vollkommen zu leben? Ist es möglich, selbst jetzt unser „Leben vor dem Tod“ zu finden? Und falls wir es tun, was würde es bedeuten?

Ich mache manchmal den Witz, dass ich wünschte, meine Eltern hätten mich geschlagen, weil ich dann wenigstens verstehen könnte, warum ich mich so beschissen fühle. Nicht wirklich ein Witz, natürlich. Ein großer Anteil meines Schmerzes liegt in meiner Selbsteinschätzung dass ich, der ich komfortabel als ein kleiner Prinz aufgezogen wurde, als Mann geboren wurde, weiß, klug, gut ernährt und Amerikaner, mich nicht so fühlen sollte, wie ich mich fühle. Aber ich fühle mich eben so, und es hat mich lange Jahre gekostet, ein permanentes entwirren, Tränen und Tiraden, Beschuldigungen und Vergebung, Aussprechen von Wahrheiten (meist mir selbst gegenüber), und bei Sally in die Lehre zu gehen, was sowohl Wut als auch Konflikte betrifft, um beginnen zu können, zu verstehen.

Abgesehen von der gelegentlichen Tracht Prügel, die ein weithin akzeptierter Teil der sechziger-Jahre-Erziehung war, haben meine Eltern mich nicht offenkundig physisch, emotional oder psychologisch missbraucht. Sie waren gute Menschen, versuchten gut zu sein, gutes zu tun, und gaben ihr bestes mit den Instrumenten, Glaubensmustern und Geschichten, die sie von den vorhergehenden Generationen mitbekommen haben. Aber wenn ich mich zurückfühle in meine frühe Erfahrung von Familie stoße ich auf die Erkenntnis dass sich, tief verborgen im Zentrum des Ganzen, eingebettet in diese glückliche Familie, ein Brocken uneingestandene Unzufriedenheit, Enttäuschung und Wut verbarg, der uns wie Kryptonit3alle vergiftete, uns vier junge Supermänner eingeschlossen, die meine meine Brüder und ich waren.

Ich weiß nicht sicher, was dieser Kryptonit war oder wie er in unsere Leben kam. Bei meiner Mutter zeigte sich ihr Zorn in Erschöpfung, Verärgerung und dramatischen Seufzern des Sehnens, mit gelegentlichen Wutausbrüchen. Mein Vater verdeckte seinen Zorn mit leutseligen Okey-dokeys, aber er war in ihm nicht weniger vorhanden. Sicherlich lebten sie dieses Alltagsleben, von dem David Foster Wallace gesprochen hat, aber ich denke, es war mehr als das. Der Kryptonit hatte tiefere Wurzeln, denke ich, welche die vorhergehende Generation unserer ländlichen Farmerfamilie formten. Es zeigte sich in dem stillen, stumpfsinnigen, ausdruckslosen Leben meiner Onkel, und brachte diese verlorene, gequälte, verärgerte Grimasse auf das Gesicht meiner Großmutter. Es wurde weitergegeben von Generation zu Generation, dieser Kryptonit. Es war die Lebensauffassung unserer Familie, das Universum und alles. Es waren die Einschränkungen, die Absurditäten und der Betrug dieses Weltbildes. Es war die Kultur selbst. Es war niemands Schuld.

Wir alle konnten diesen Kryptonit fühlen denke ich, wir sensiblen kleinen Jungs, auf unsere eigene Weise.

Es manifestierte sich in erster Linie in meiner Auffassung, dass ein Familiensystem, in dem das Wetteifern, Sticheln, das Witze machen, sich-necken, sich gegenseitig beschimpfen, loben oder herunter zu machen, alles unter dem Deckmantel des „nur zum Spaß“, den einzigen sicheren und anerkannten Weg darstelle, um die Spannungen zu lösen, das Gift zu verarbeiten und unsere Wut auszudrücken.

Weißt Du, wir alle hatten schreckliche Angst. Angst vor Konflikten. Angst vor dem Zorn. Angst vor Liebe und tiefen Gefühlen. Schreckliche Angst, verletzt zu werden oder andere zu verletzen. Mit Recht, vermutlich. Denn wir nahmen es wahr, wir wussten, wir fühlten es, dass der Brocken Kryptonit so hell brennen könnte, dass er uns alle umbringen würde, falls wir ihn aufdeckten.

Und wir wussten, tief in unseren Knochen, jedoch nicht mit dem Verstand, dass wir unsere Heilkünste verloren haben, und glaubten nicht daran, dass Heilung möglich sein könnte. Der Kryptonit war da, verstaut in einer Reisetasche in der hintersten Abstellkammer unseres Kellers. Wir fühlten seine giftige, ausstrahlende Wirkung. Aber wir konnten uns ihm nicht nähern. Wir konnten ihn nicht bewegen. Wir konnten ihn nicht entschärfen. Wir wussten nicht wie.

„Es ist unmöglich, sich dem zu widersetzen“, sagte ich zu Sally an diesem morgen, während sich meine Augen mit Tränen füllten. „Ich wurde dazu erzogen, die Mauern um mich herum immer weiter zu verstärken. Das ist die Art von Konditionierung, die am schwierigsten aufzulösen ist.“

Sally wusste was ich meinte. Gute Menschen, die mit Kryptonit im Keller leben, neigen zu gelegentlichen, unvorhersehbaren und überraschenden Ausbrüchen von Wut, Schuldzuweisungen und Verurteilungen, die mich selbst total umhauen, wenn sie aus dem permanenten, untergründig eng verschlossenen Magma der Unzufriedenheit ausbrechen. Ich habe alles an Vertrauen verloren. Wenn gute Menschen so schlecht sein konnten, wenn Menschen, die „ich liebe Dich“ sagen mich betrügen können, wenn „Mutter“ gleichzeitig „furchterregender Bestrafer“ sein konnte, würde dieser kleine Besucher aus dem All nie sicher sein. Niemals. Egal, wie lange Menschen mir als Freunde erscheinen mögen, sie könnten sich gegen mich richten. Und manchmal taten sie das. Auch so viele Jahrzehnte später leide ich noch darunter.

Der Auslöser für die morgendliche Konversation zwischen Sally und mir war, dass am Vortag einige gute Freunde vorbeigekommen waren und ihr Mittag auf unserer Veranda aßen, während ich ein paar neue Trittstufen für die Treppe baute. Die Freunde waren vorbereitet, die wussten von meiner ausgesprochenen „Introvertiertheit“ und äußerten die Sorge, dass ihr Kommen mich durcheinander-bringen könnte. Es machte keinen Unterschied. Der Alarm klingelte, die Sirenen schrillten, die Panik stieg auf, und ich geriet völlig außer mir.

Und nach diesem Verlust kam die Scham, das Gefühl der Schwäche, Bestürzung.

„Das hat nichts mit Euch zu tun!“ wollte ich rufen. „Ich bin einfach… verletzt.“ Aber in solchen Momenten der Panik bin ich nicht fähig, die Dinge auszusprechen, die mir ein wenig Trost bringen könnten.

Alles was ich fühle ist der Kryptonit, der aus der Vergangenheit heraus die Gegenwart vergiftet.

Ich schreibe heute, weil heute der Geburtstag meiner Tochter ist. Ich habe das durch Facebook erfahren, dass mir vorschlug, ihr einen Starbucks-Gutschein zu schenken. Ich schreibe heute, weil der Muttertag naht, was ich von den Spam-Mails in meiner Inbox weiß. Ich schreibe, weil ich nicht mehr weiß, wie ich eine Beziehung führen kann, weder mit meinen Kindern noch mit meiner Mutter. Weil ich keine Ahnung habe, wie ich ein Geschenk machen schicken oder kaufen sollte. Weil ich keinen Weg finden kann, selbst das Geschenk in ihren Leben zu sein, dass ich sein sollte. Weil ich selbst mittlerweile so abgeschnitten bin, dass die die Neuigkeiten aus meiner Familie durch Spammails und Facebook erfahre.

Mit meinen ungeschickten Versuchen, die Wahrheit über meine Erfahrungen mit meiner Familie auszusprechen, habe ich es geschafft, sie so ziemlich alle zu verprellen, außer einem Bruder, der weiter durchhält, der meine Erfahrungen teilweise versteht, einfach weil er Teile seiner eigenen, ähnlichen Erfahrungen versteht.

Weißt Du, ich habe die Grundregel gebrochen: Ich hab versucht, den Kryptonit freizulegen, auch wenn ich nicht wusste, was ich tat. Ich habe versucht, über die Dinge zu sprechen, die mich immer noch von innen heraus vergifteten.

Ich versuchte, die Grundregeln des Familiensystems zu durchbrechen, die mich mich verletzt haben und mich immer noch verletzen, wenn ich mich in diesem System bewege. Ich habe mich auf den Weg gemacht, mich meinen Ängsten zu stellen und Heilung zu finden. Ich bin aufgebrochen, mich der Wahrheit dieser Welt zu stellen, die wir uns erschaffen haben. Ich bin aufgebrochen, um das Wasser zu finden, es zu sehen, zu fühlen, es kennenzulernen. Ich habe mich aufgemacht, mein eigenes Leben zu retten, weil der Schmerz drohte, mich umzubringen. Aber der einzige Weg, den ich finden konnte um dies zu tun, war wegzugehen von dort wo ich war.

Ich schreibe heute überwiegend, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Und ich schreibe letzten Endes mit der schwachen Hoffnung und äußersten Sicherheit, dass Wallace Recht hat, dass die Liebe, die Beziehungen, das heilige aus diesem kalten, harten Universum erhascht werden kann durch eine einfache menschliche Entscheidung, auch wenn wir vor der drohenden NTE (Near-Term-Extinction – baldiges Aussterben) stehen. Kann ich mein eigenes Leben jetzt finden, und dann leben, bevor ich sterbe? Ist es okay jetzt, obwohl ich aufgewachsen bin mit Kryptonit im Keller? Obwohl ich so vergiftet worden bin? Obwohl ich so viele, viele Fehler gemacht habe? Obwohl ich mich von meinen eigenen Kindern entfernen musste, um mein eigenes Leben zu retten? Kann ich die Strafe zahlen für das Verbrechen, in diesen Wahnsinn geboren worden zu sein, wie Jeff Bridges in „The Fisher King“ fragt, und nach Hause gehen? Ist es meine Wahl?

Bin sicher, dass ich kann. Und ich habe meine Zweifel.

Ich frage mich: Hat David Foster Wallace es gefunden, bevor er starb? Weißt Du, er hat sich aufgehängt. So wie wir Menschen uns scheinbar in die Aufgabe hängen, die Welt zu beherrschen. Er hat den Tod gefunden. Aber hat er sein Leben vor dem Tod gefunden?

Ich höre in seiner Stimme, dass er es gefunden hatte.

Und wenn er es konnte, kann ich es auch?

Und wenn er es konnte, können wir™ es?

Das englische Original dieses Artikels ist erschienen auf
http://www.whatawaytogomovie.com/2013/05/life-before-death/

Übersetzung: Boris Forkel

  1. Der Dodo war ein etwa einen Meter großer, flugunfähiger Vogel, der ausschließlich auf den Inseln Mauritius und Réunion im Indischen Ozean vorkam. Die Forschung geht aktuell davon aus, dass die Spezies um 1690 ausstarb.
  2. David Foster Wallace: Commencement Speech to Kenyon College class of 2005 https://www.youtube.com/watch?v=8CrOL-ydFMI
  3. Kryptonit (engl. Kryptonite) ist ein fiktives Mineral aus dem DC-Universum. Kryptonit spielt in den Geschichten über Superman und andere Kryptonier (…) eine wichtige Rolle. Kryptonit und Magie sind in Superman-Geschichten wesentliche Schwachstellen des Superhelden. Grünes Kryptonit wirkt wie ein radioaktives Gift. Es schwächt Superman und seine Körperaura und kann ihn schlussendlich töten, wenn er ihm über einen längeren Zeitraum ausgesetzt ist, insbesondere, wenn es längere Zeit in seinen Körper eingedrungen ist. Es ist die einzige klassische Form von Kryptonit (neben dem neu erfundenen schwarzen Kryptonit), die auch in den modernen Nach-Krisen-Comics existiert, sowie die häufigste Variante des Kryptonits. http://de.wikipedia.org/wiki/Kryptonit

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