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Glauben

Von Boris Forkel / Deep Green Resistance Germany

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Das grundlegendste Gebot unserer Kultur: Du sollst so tun, als wäre alles in Ordnung.

Indigene Kulturen, das heißt unzivilisierte Gesellschaften, die keine Städte bauten, als Jäger und Sammler oder von Subsistenzlandwirtschaft lebten, waren landbasierte Kulturen. Die Landbasis und die Ökosysteme waren ihre Lebensgrundlage.

Unsere Kultur, im weitesten Sinne die Zivilisation, im engeren Sinne die westliche und neuerdings industrielle Zivilisation, basiert auf Glauben. Was die Lebensgrundlagen betrifft, basiert unsere Kultur mittlerweile nicht mehr nur auf der Ausbeutung ihrer Landbasis, sondern auf der Hyper-Ausbeutung fast aller Landstriche weltweit, inklusive der Ozeane.

 

Die Menschen unserer Kultur leben nicht in der wirklichen, physikalischen Welt. Sie haben sich mit ihren Städten eine eigene Welt gebaut und mit ihren Glaubenssätzen eine eigene künstliche Realität, mit der sie sich weitgehend von der wirklichen Welt und der Wahrheit abschotten. Unsere Kultur ist geprägt von einer immer komplexeren Technologie. Die Menschen sind Stolz darauf, identifizieren sich mit ihr und vertrauen ihrer Technologie mit einem nahezu unerschütterlichen Glauben. Nicht zuletzt betrachten sie Technologie als Synonym für Fortschritt. Kulturen ohne komplexe Technologie haben für unsere Kultur etwa soviel Wert wie Ökosysteme. Sie werden ausgebeutet, assimiliert, „entwickelt“ und dadurch letztendlich zerstört.

Unsere Kultur basiert auf Glauben, denn nur mit starken Glaubenssystemen, gekoppelt mit der ensprechenden Propagandamaschinerie, kann man eine eigentlich extrem instabile Masse wie unsere moderne Gesellschaft mit ihrer nie dagewesenen Menge an Menschen verwalten, kontrollieren und halbwegs stabil halten. Massenpropaganda war für die Zivilisation immer von großer Bedeutung, von der Erfindung der Schrift über den Buchdruck, Zeitungen, Post, Telegrafie, Telefon, Telefax, Radio, Fernsehen und schließlich Internet, Mobilfunk und Smartphones, bis hin zu Social Media, die uns die Illusion von Kontakten zu anderen Menschen vortäuschen, während wir in Wirklichkeit alleine vor dem Bildschirm einer Maschine sitzen. Technologie ist nie neutral. Unsere Form der Technologie ist weniger Zeichen für eine besonders fortschrittliche Kultur, sondern ein notwendiges Instrument, mit dem die Herrschenden eine zunehmend instabile Masse unter Kontrolle halten wollen. Die gegenwärtige IT Technologie mit ihrer Bildschirmkultur und den digitalen Halluzinationen ist das effektivste Opium für die Massen, das jemals erfunden wurde und gleichzeitig der perfekteste Überwachungsapparat aller Zeiten.

Wir haben keine Kultur und wir haben keine Gesellschaft. Zwar verwende ich diese Begriffe aus Mangel an Alternativen, aber eigentlich handelt es sich bei unserer Gesellschaftsform um eine Art Anti-Kultur, die jegliche Form von Kultur und Gemeinschaft zerstört. Daher ist sie auch so instabil. Eine Kultur wäre ein Set an sozialen Regeln, Werten und Normen, die darauf abzielen, eine Gesellschaft stabil und nachhaltig zu organisieren. Im Wesentlichen regelt die Kultur die Beziehung zwischen den menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen, das heißt den Umgang mit der Landbasis als auch die Beziehungen zwischen den Menschen untereinander.

Insbesondere die aktuelle Form, mit Liberalismus, Kapitalismus, Konsumerismus, Individualismus, Technokult und Popkultur, kennt weder Regeln für den sinnvollen Umgang mit der Landbasis noch für die Menschen untereinander. Die einzige Regel ist die oft unausgesprochene, doch sehr stark ausgeprägte Hierarchie, mit Geld als Synonym für Macht. Geld hat bekanntlich keinen Wert an sich. Dennoch ist Geld für die meisten Leute wie ein religiöser Fetisch, an den sie Glauben und für den sie fast alles tun.

Die Glaubenssätze unserer Kultur haben direkte und tiefgreifende Auswirkungen auf die reale Welt und mein eigenes Leben. Warum zahlst du Miete? Ich zahle Miete, weil ich weiß, dass wenn ich es nicht tun würde, in letzter Konsequenz Polizisten mich gewaltsam aus meiner Wohnung entfernen würden und ich dann obdachlos wäre. Ich zahle also Miete, weil ich mich der strukturellen Gewalt beugen muss. Dass der Vermieter meine Wohnung besitzt und ich für das Recht zahlen muss, hier leben zu dürfen, basiert weder auf Naturgesetzen noch irgendwelchen physikalischen Gesetzmäßigkeiten, sondern ist eine reine soziale Konvention, die nur deswegen funktioniert, weil die Mehrheit der Bevölkerung an das Recht der Besitzenden glaubt, nicht Besitzende auszubeuten. De facto muss ich daher für meinen Vermieter arbeiten, einzig und allein für den Zweck, ihn noch reicher zu machen als er schon ist.

Viele der Glaubenssätze, auf denen unsere Kultur basiert, sind an sich nicht besonders glaubwürdig und haben quasi religiösen Charakter, daher müssen die Menschen unserer Kultur vom frühem Alter an indoktriniert werden. Ohne permanente Indoktrinierung würde unsere „Kultur“ sofort auseinanderfallen. Daher hatten die Herrschenden so große Angst vor den 68ern, der Hippiekultur und Drogen wie Cannabis und LSD, weil diese in der Lage sind, gesellschaftliche Konditionierungen aufzulösen.

Unser Wirtschaftssystem basiert auf dem Glauben an unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten. Wir handeln nach dem Glauben, dass wir endliche fossile Energieträger unendlich nutzen können. Wir glauben, dass unser Transportsystem wichtiger ist als unsere Atemluft, und wir handeln, als könne ein Transportsystem, welches auf fossilen Energieträgern basiert und unsere Atemluft vergiftet, ewig Bestand haben. Wir glauben an einen unendlichen technologischen Fortschritt und ignorieren konsequent die dramatischen Auswirkungen, die dieser Glaube auf die reale Welt hat. Wir glauben, dass wir nicht nur das Weltklima und die Ozeane, sondern praktisch den ganzen Planeten zerstören können und trotzdem noch auf ihm leben. Wir wissen es eigentlich besser; dennoch handeln wir –oder vielmehr die Herrschenden– diesem Glauben entsprechend. Und wir sind bisher so höflich und glauben, die Herrschenden hätten das Recht, fleißig unsere Zukunft und die unserer Kinder zu zerstören, um ihren Reichtum zu mehren.

Es handelt sich bei so ziemlich allen Glaubenssätzen unserer Kultur um blanke Lügen, die nicht einmal besonders glaubwürdig sind. Daher müssen sie durch Propaganda ständig wiederholt werden, um die Menschen permanent zu konditionieren. Aus diesen Lügen bauen sich die Menschen unserer „Kultur“ ihre kleinen, heilen Welten zusammen, die sie vehement gegen die Wahrheit verteidigen. Diejenigen, die einen Schimmer davon haben, dass eben doch nicht alles in Ordnung ist, bauen sich wahlweise mit New-Age-Esoterik, dem Mythos vom hundertsten Affen, der Hoffnung auf einen kollektiven Paradigmenwechsel, dem Glauben an den digitalen Menschen als Bewustsein des Universums, das goldene Zeitalter etc. weitere Barrieren auf, um die Wahrheit nicht sehen zu müssen. Auch hier gilt: je absurder der Glaube, umso inbrünstiger wird er geglaubt und gegen jede Evidenz verteidigt.

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass diese Kultur pathologisch wahnsinnig ist. Auch unser Selbstbild als „Kultur“ ist das Selbstbild eines Wahnsinnigen. Wir glauben, dass wir die am höchsten entwickelte Kultur sind, die jemals existiert hat, und das die Kulturen vor uns primitiv und rückschrittlich waren. Daher glauben wir auch, dass es gerechtfertigt ist, „primitive“, indigene Kulturen in aller Welt brutal auszurotten. Fortschritt hat eben seinen Preis und wo gehobelt wird da fallen Späne. Der Rassismus, das heißt der Glaube, dass eine „Rasse“ von Menschen (in aller Regel die mit der helleren Haut) besser, intelligenter, fortschrittlicher, stärker, höher entwickelt etc. sei als andere, zusammen mit einer verzerrten Version von Darwin‘s Evolutionstheorie, der Idee vom Überleben des Stärkeren, die auf menschliche Gesellschaften angewendet die Ideologie des Sozialdarwinismus bildet, hat eine Rechtfertigung geschaffen, die sich bereits in zahlreichen Genoziden bewährt hat. Der Rassismus bezieht sich ganz selbstverständlich auch auf Lebewesen anderer Spezies (wobei wir hier nicht den Begriff Rassismus verwenden, obgleich er in diesem Kontext viel zutreffender wäre, da es sich tatsächlich um unterschiedliche Rassen handelt). Ich will damit sagen, dass indigene Menschen genauso wie Wölfe, Bisons, Lachse, Bären, Luchse, Wale, Gorillas und zahlreiche andere Lebewesen gleichermaßen Opfer des Holocaust waren und sind. Und all dies basiert auf dem Glauben, dass wir als Krone der Schöpfung das Recht haben, alle anderen auszurotten und ihnen damit das Recht auf Leben abzusprechen.

„Damit wir unsere Lebensweise aufrechterhalten können, müssen wir einander und vor allem uns selbst im weitesten Sinne Lügen erzählen. Es ist nicht notwendig, dass die Lügen besonders glaubwürdig sind. Die Lügen fungieren als Barrieren gegen die Wahrheit. Diese Hindernisse für die Wahrheit sind notwendig, denn ohne sie würden viele bedauernswerte Taten unmöglich werden. Die Wahrheit muss um jeden Preis vermieden werden. Wenn wir es zulassen, dass selbstverständliche Wahrheiten an unserer Verteidigung vorbei und in unser Bewusstsein gelangen, werden sie wie Handgranaten behandelt, die über die Tanzfläche einer unglaublich makabren Party rollen. Wir versuchen, uns von der Gefahr fernzuhalten, befürchten, dass sie losgehen, unsere Wahnvorstellungen zerschlagen und uns dem aussetzen, was wir der Welt und uns selbst angetan haben, als die hohlen Menschen, zu denen wir geworden sind. Und so vermeiden wir diese Wahrheiten, diese selbstverständlichen Wahrheiten und setzen den Tanz der Weltzerstörung fort.“1

Es ist eigentlich nicht schwierig zu sehen, dass unsere Kultur auf Gewalt basiert und alles Leben auf diesem Planeten zerstört. Alles was man tun muss, ist die zahlreichen kulturellen Brillen abzusetzen, die unsere Wahrnehmung lenken. Dann verliert man den Glauben an all diese Lügen und erkennt die Wahrheit. Damit steht man automatisch ausserhalb unserer Kultur und kann nicht wieder zurück, denn man hat sie und all die Lügen als das erkannt, was sie wirklich ist. Erst von Außen sieht man unsere Zivilisation als das schreckliche Monster, das alles Lebendige konsumiert und zerstört.

Was bleibt, ist eigentlich nur noch der Glaube an Mutter Erde, and die Landbasis, auf der du lebst. Und das ist auch sinnvoll, denn hinter all diesen kollektiven Halluzinationen ist es immer noch Mutter Erde, die uns am Leben erhält. Die Natur hat eine unglaubliche Vielzahl an Lebewesen hervorgebracht und tut dies weiterhin, wenn man sie lässt. So ist es die moralische Pflicht eines jeden Menschen, der sich nicht mehr mit dieser Kultur, sondern mit der echten Welt identifiziert, das Leben auf dem Planeten gegen das Monster unserer Zivilisation zu verteidigen.

  1. Derrick Jensen: A Language Older Than Words S. 2

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