AllgemeinWiderstand

Der Kampf gegen sexuelle Objektivierung schließt niemanden aus

Bild: The International Coalition Against Human Trafficking

von Max Wilbert / Deep Green Resistance

Englisches Original dieses Artikels

„Feminismus ist der Kampf gegen sexistische Unterdrückung. Daher ist Feminismus auch notwendigerweise ein Kampf gegen die Ideologie von Dominanz, welche die westliche Kultur auf verschiedenen Ebenen durchdringt, sowie ein Engagement für die Reorganisation der Gesellschaft, um die Selbstentfaltung der Menschen vor Imperialismus, ökonomische Expansion und materielle Begierden zu stellen.

bell hooks

Letztes Wochenende war ich auf einer Umweltkonferenz am Stand für Deep Green Resistance. Ein junger Mann, etwa Anfang 20, kam an den Tisch. Ich trat an ihn heran und fragte ihn, ob ich irgendwelche Fragen beantworten könne.

Er deutete auf den Aufkleber auf dem Tisch: „Patriarchat + Kapitalismus = Pornografie“. Mit einem spöttischen Lächeln fragte er: „Glaubst du das wirklich?“

Ich antwortete ihm, dass ich dies tue. „Also bist du ein SWERF,“ fragte er, unter Verwendung eines gängigen Akronyms für sex-worker exclusionary radical feminist. „Was ist mit Selbstbestimmung?“

Was für eine absurde Sache für einen Linken, so etwas zu fragen! Würde irgendjemand sagen, dass ich „den US-Soldaten ihre Selbstbestimmung abspreche“, weil ich gegen den US-Imperialismus bin? Würde irgendjemand sagen, dass ich „die Arbeiter von McDonald’s ausschließe“, weil ich gegen den Kapitalismus und die Fast-Food-Industrie bin?

Selbstverständlich nicht. Diese Argumente sind offensichtlich bullshit. Es ist möglich (und ich kann nicht glauben, dass ich das sagen muss), sich größeren Systemen zu widersetzen, während man Sympathie hat und sogar solidarisch mit denen handelt, die in diesen Systemen gefangen sind. Und nur weil einige Frauen „freiwillig“ und „gerne“ in Pornografie und Prostitution arbeiten, heißt das nicht, dass wir die Industrie nicht kritisieren können – und sogar diese Frauen für Entscheidungen kritisieren, welche schädliche Auswirkungen auf andere haben.

Die Tatsache, dass sich ein Mitglied einer unterdrückten Klasse für die Teilnahme am repressiven System entscheidet, bedeutet nicht, dass ihre Wahl nicht kritisiert werden kann. Denn, wie die wunderbare Anti-Porno-Aktivistin Gail Dines sagte, „Die unterdrückerischen Systeme sind flexibel genug, um einige Mitglieder untergeordneter Gruppen zu absorbieren, ja, sie schöpfen ihre Stärke aus der Illusion der Neutralität, welche diese Ausnahmen bieten.“

Also warum glaubt dieser junge weiße Mann, dass in Sachen Pornografie die „Selbstbestimmung“ wichtiger ist als die realen, materiellen Auswirkungen der Pornobranche?

Was ich dem jungen Mann erklärte ist, dass Massenmedien und Kultur unsere Denkweise prägen. Dies ist seit Jahrzehnten ein grundlegendes Verständnis der Linken. Wir können dies als Herstellung von Zustimmung, Propaganda oder kulturelle Hegemonie bezeichnen.

Werbung funktioniert. Propaganda funktioniert. Deshalb benutzen sie es.

Deswegen zitiert Arundhati Roy, die über rechtsgerichtete Polizeikommandos schreibt, welche gegen indigene Gruppen im ländlichen Indien vorgehen, den Superintendanten des Polizeichefs: „Sehen sie Ma’am, offen gesagt kann dieses Problem [sic] nicht durch Polizei und Militär gelöst werden. Das Problem mit diesen Stammesgruppen ist, dass sie keine Gier verstehen. Wenn sie nicht gierig werden, gibt es keine Hoffnung für uns. Ich habe meinem Chef gesagt: Lassen Sie die Gewalt und stellen Sie stattdessen in jedem Haus einen Fernseher auf. Alles wird sich automatisch lösen.“

Nimm den gleichen Ansatz und wende ihn auf das Patriarchat an und du hast die letzten 50 Jahre dieser Kultur: Pornografie, die immer mehr normalisiert wird, Softcore-Pornos, die in Popkultur und soziale Medien eindringen, und Zugang zu erniedrigenden, frauenhassenden Inhalten 24/7 von dem Gerät in deiner Tasche.

Die Pornografie-Industrie in den Vereinigten Staaten ist profitabler als Hollywood. Sie ist auch profitabler als die NFL, NBA und MLB – kombiniert. Die Porno-Websites haben zu jeder Zeit etwa 30 Millionen Besucher.

Sheila Jeffries schreibt: „Pornografie ist die Bildung der männlichen Öffentlichkeit. Es wäre sehr überraschend, wenn es nicht so wäre.“

Glaubst du wirklich, dass es „ermächtigend“ ist, eine kleine Geldsumme dafür bezahlt zu bekommen, sich von einem fremden, stinkenden Mann aggressiv ficken zu lassen?

Hier ist die Realität: Prostituierte Frauen werden häufig „körperlich angegriffen und verletzt durch den Sex“.

Frauen, die der Prostitution entkommen sind, haben einen höheren Anteil an PTBS (Posttraumatische Belastungsstörungen) als Soldaten, die im Kampf waren.

Lies den Satz noch einmal.

Weltweit gibt es schätzungsweise 40 Millionen Menschen in der Prostitution, die meisten von ihnen (mehr als 80 Prozent) Frauen und Kinder. Farbige Frauen stellen einen überproportionalen Anteil an prostituierten Frauen. Von den 40 Millionen sind 2,5 Millionen Opfer von Menschenhandel. Mit anderen Worten, sie sind Sexsklaven. Das durchschnittliche Eintrittsalter in die Industrie liegt bei 13 Jahren.

Dreizehn verfickte Jahre alt.

Doch angesichts dieser Gewalt ist die „Selbstbestimmung“ einiger weniger, relativ wohlhabender „SexarbeiterInnen“, die behaupten, ihre Arbeit zu genießen, offenbar wichtiger.

Wenn wir Prostitution als „Job“ bezeichnen (und nicht als eine Form des Missbrauchs), dann wäre dies der mit Abstand gefährlichste Job in den USA, mit einer Mordrate von 204 pro 100.000. Auch wenn wir nicht jeden sexuellen Akt im Rahmen der Prostitution als Vergewaltigung bezeichnen, so sind doch etwa 80 Prozent der prostituierten Frauen vergewaltigt worden, und sie werden durchschnittlich 8–10 Mal pro Jahr vergewaltigt.

Wie die indigene Feministin Cherry Smiley (auf brillante Art) im Globe and Mail schreibt, ist „Prostitution, ähnlich dem Schulsystem der Internate, eine Institution, die nach wie vor verheerende Auswirkungen auf das Leben von eingeborenen Frauen und Mädchen hat, welche unverhältnismäßig stark in Straßenprostitution involviert sind. Die Prostitution ist eine Industrie, die auf Machtdisparitäten angewiesen ist, um existieren zu können. Wir können deutlich sehen, dass Frauen und vor allem indigene Frauen und Mädchen, aufgrund systemischer Ungleichheiten wie fehlendem Zugang zu Wohnraum, Verlust von Land, Kultur und Sprachen, Armut, hohen Raten männlicher Gewalt, Abhängigkeit von Wohlfahrt, Selbstmord, Kriminalisierung, Sucht und Berufsunfähigkeit in die Prostitution getrieben werden. Sich vorzustellen, dass Prostitution, ein System, welches diese Ungleichheiten verstärkt, erlaubt oder gefördert werden sollte, ist gefährlich fehlgeleitet und begünstigt die andauernden systemischen Verletzungen unserer Frauen und Mädchen.“

Der ganze Begriff SWERF ist lächerlich. Jindi Mehat schreibt: „Ein Argument zu unterstützen, welches die Mehrheit der Frauen in der Prostitution ausschließt, während man sich auf die Frauen bezieht, die das ganze Bild als ‚ausgrenzend‘ bezeichnen, zeigt, wie intellektuell schal und heuchlerisch der sogenannte liberale Feminismus ist. Genauso wie die Forderung nach Unterstützung der Prostitution, welche die am stärksten marginalisierten unter uns einem erhöhten Maß an Gewalt und Missbrauch aussetzt, als feministische Position zu bezeichnen. Es geht hier nicht um die Befreiung der Frauen, es geht darum, sich gut und fortschrittlich zu fühlen und nichts ändern zu müssen…

„Prostitution zu unterstützen und Abolitionisten als ‚SWERF‘ zu beschimpfen ist kein Feminismus, es ist eine Kapitulation vor der männlichen Vorherrschaft und das Abschreiben marginalisierter Frauen als Kollateralschaden. Es ist das Leben in der Traumwelt der freien individuellen Entscheidungen ohne Konsequenzen. Es ist die Verweigerung, über das Kratzen an der Oberfläche hinauszugehen, stattdessen versteckt man sich hinter Schlagwörtern und lauwarmen Halbmassnahmen, während man versucht, diejenigen Frauen zum Schweigen zu bringen, welche bereit sind, das ganze Bild zu zeigen, um jeden Preis“.

Also, was wollen wir eigentlich?

Radikale FeministInnen treten generell für das sogenannte „Nordische Modell“ ein, einen juristischen Ansatz, bei dem die Menschen (fast ausschließlich Männer), welche Sex kaufen, kriminalisiert werden, und die Menschen (fast ausschließlich Frauen und Kinder), die in der Industrie arbeiten, mit Ressourcen und Programmen ausgestattet werden, die ihnen helfen, den Sexhandel zu beenden und alternative Lebensgrundlagen aufzubauen.

Es hat sich gezeigt, dass dieser Ansatz zu positiven Ergebnissen führt. Erstens lehrt es Sex-Käufer („Johns“), die in erster Linie Männer sind, und die breitere Gesellschaft, dass Frauen nicht um jeden Preis zum Verkauf angeboten werden. Zweitens bietet es Unterstützung und vollständige Entkriminalisierung für diejenigen, die prostituiert sind, und gibt ihnen die Möglichkeit, aus der inhärent gewalttätigen Industrie auszusteigen.

Meiner Meinung nach ist dies kein Ausschließen von Minderheiten, sondern es sind Menschenrechte. Das ist Feminismus.

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