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Quetschen wir jeden Tropfen Sklavenblut aus uns heraus

Dieser Text ist ein übersetztes und editiertes Transcript von Deep Green 012:
Squeeze Every Drop of Slaves Blood Out of Ourselves

Zur englischen Version dieses Textes

Von Derrick Jensen

Was bedeutet es, mein Herz und meinen Verstand zu entkolonialisieren, und wie gehe ich dabei vor?

Nun, so viele indigene Menschen sagten mir, dass das erste, was wir tun müssen, die Dekolonialisierung unserer Herzen und Köpfe ist. Teil davon ist, dass du jede der Annahmen, die du jemals über die Art und Weise wie wir leben hattest, infrage stellst.

So viele indigene Menschen haben mir gesagt, dass der wichtigste Unterschied zwischen indigener und westlicher Lebensweise darin besteht, dass selbst die offensten Westler der natürlichen Welt zuzuhören als Metapher begreifen, im Gegensatz zu der Art und Weise, wie die Welt wirklich ist. Indigene Völker überall nehmen die Welt im Allgemeinen als aus anderen Wesen bestehend dar, mit denen wir in Beziehung treten und für die wir Verantwortung tragen, im Gegensatz zu Ressourcen, die wir ausbeuten können. Es gibt dieses großartige Zitat von einem kanadischem Holzfäller:

„Wenn ich auf Bäume schaue, sehe ich Dollarscheine.“

Und wenn du Bäume anschaust und Dollarscheine siehst, wirst du sie auf eine bestimmte Weise behandeln; wenn du Bäume anschaust und Bäume siehst, wirst du sie auf eine andere Weise behandeln; und wenn du diesen speziellen Baum anschaust und siehst diesen speziellen Baum, wirst du ihn wiederrum anders behandeln.

Das Gleiche gilt natürlich auch für Frauen, was ein Grund dafür ist, dass ich so sehr gegen Pornografie bin; wenn ich Frauen anschaue und Löcher sehe, dann behandle ich sie auf eine bestimmte Weise; wenn ich Frauen ansehe und Frauen sehe, dann behandle ich sie auf eine andere Art und Weise; und wenn ich diese spezielle Frau anschaue und sie als diese spezielle Frau betrachte, dann behandle ich sie wiederrum anders. 

Wie du die Welt wahrnimmst, hat Auswirkungen darauf, wie du dich in der Welt verhältst. So besteht ein großer Teil der Entkolonialisierung daraus, diese unbestrittenen Annahmen zu ändern, welche kontrollieren, wie du die Welt wahrnimmst und wie du in der Welt handelst. Das ist also ein Teil davon.

Es gibt eine Zeile, an die ich immer denke. Ein junger Schriftsteller wandte sich an Anton Tschechow und sagte, er wolle eine Geschichte schreiben und wisse nicht, was er schreiben solle. Tschechow sagte: Ich möchte, dass du eine Geschichte über einen Mann schreibst, der jeden Tropfen Sklavenblut aus seinem Körper drückt. Und das ist auch ein Teil davon. Wir sind von Kindheit an dazu trainiert worden, Sklaven des Systems zu sein, süchtig nach dem System zu sein. Das Wort addict stammt von der gleichen Wurzel wie das Wort edict, und es bedeutet „versklaven“, denn im alten Rom würde ein Richter ein edict erlassen, das jemanden zu einem addict von jemand anderem machen würde, der ihn versklavt.

Wir sind Sklaven des Systems und wir müssen jeden Tropfen Sklavenblut aus uns herauspressen. Eine andere Art dies zu betrachten, die Robert J. Lifton so gut beschrieben hat: Bevor man eine massenhafte Grausamkeit begehen kann, muss man sich selbst davon überzeugen, dass das, was man tut, keine Grausamkeit ist, sondern eine gute Sache. Die Nazis begingen also keinen Völkermord und Massenmord, sondern reinigten stattdessen die arische Rasse. Und die nordamerikanischen Siedler begingen keinen Völkermord, Massenmord und Landdiebstahl, sie manifestierten ihr Schicksal. Und heute tötet niemand den Planeten, sondern sie erschließen natürliche Ressourcen.

Ich habe einmal eine Bühne mit Ward Churchill geteilt, und davor haben wir hinter der Bühne geplaudert, und ich sagte: „Ich kann es nicht glauben, wie dumm die Nazis waren, so sorgfältige Aufzeichnungen über ihre Gräueltaten zu machen, akribische Aufzeichnungen darüber, wie viel Gold sie aus den Zähnen gezogen haben… Warum würden sie solche genauen Aufzeichnungen über diese schrecklichen Taten machen?“ Er sah mich an und sagte: „Derrick, was glaubst du, was das BIP ist?“ Das BIP (BruttoInlandsProdukt) ist eine sehr detaillierte Beschreibung der Umwandlung von lebendigem in totes, der Zerstückelung des lebenden Planeten.

Also, ein Teil der Entkolonialisierung besteht darin zu erkennen, dass Dinge, die wir für gut halten, wie die Zivilisation, wie der Industrialismus, wie die Erschließung natürlicher Ressourcen, in der Tat ziemlich schrecklich und grausam sein können. Und das ist in jeder Hinsicht eine absolut entscheidende Arbeit. Eine der Auswirkungen dieses Prozesses, die für die Entkolonialisierung von entscheidender Bedeutung ist, ist deine Loyalität vom dominanten System weg und in Richtung der Landbasis zu transferieren. Das ist so ziemlich das, worum es bei meiner ganzen Arbeit geht. Sobald du deine Loyalität auf die Landbasis übertragen hast, ist alles andere nur noch technisch. Aber bis du dies getan hast, wird deine Loyalität per Definition immer der vorherrschenden Kultur gehören.

Bei meinen Resistance Radio-Interviews mache ich dies vor dem Interview immer sehr deutlich: man kann so biozentrisch und ökozentrisch sein wie man will, wenn wir über den Mississippi River reden, oder über den Colorado River oder den Columbia River, dann geht es mir nicht wirklich um Landwirtschaft. Meine Loyalität gehört voll und ganz dem Fluss. Wenn das Wasser im Colorado River bleibt, kümmert es mich nicht, ob dies bedeutet, dass Baumwollfarmer in Arizona aus dem Geschäft getrieben werden, oder dass Golfplätze in Arizona austrocknen. Denn meine Loyalität gilt nicht dem industriellen Kapitalismus; meine Loyalität gilt dem lebendigen Planeten. 

Also, wie schaffen wir das? Wir fangen an, jede Annahme infrage zu stellen. In gewisser Hinsicht ist dies sehr einfach und in anderer Hinsicht ziemlich schwierig. Was den einfachen Teil betrifft, hat mir mein Freund und Mentor John Osborne geholfen, sehr früh in meiner Arbeit als Umweltaktivist zu verstehen, dass sehr viele Umweltaktivisten damit beginnen, dieses spezifische Stück Land schützen zu wollen, um am Ende die Grundlagen der westlichen Zivilisation infrage zu stellen. Und dies liegt daran, dass sie anfangen, Fragen zu stellen, und sobald die Fragen beginnen, werden sie niemals aufhören. So kann man sich fragen: Warum wird dieses Land zerstört? Und die Antwort ist in der Regel: Weil jemand Geld damit verdienen wird, oder für die wirtschaftliche Produktion, weil es gut für die Wirtschaft ist. Nun, dann fragst du dich: Warum wird so viel Land geschädigt? Nun, das ist gut für die Wirtschaft. Dann fragst du dich: Haben alle Kulturen Ökonomien gehabt, die auf der Zerstörung ihrer Landbasis beruhen? Nein. Und dann fragst du dich: Was bedeutet es, eine Wirtschaft zu haben, die auf der Zerstörung der Landbasis basiert? Und dann fragst du dich: Was ist das Endergebnis einer Wirtschaft, die auf der Zerstörung der Landbasis basiert? Und natürlich liegt die Antwort auf der Hand: Sie zerstört die Landbasis und sie zerstört die Fähigkeit der Erde, Leben zu erhalten. Wie wir sehen.

In diesem Sinne ist die Entkolonialisierung also wirklich einfach. Alles, was du tun musst, ist eine Frage zu stellen. Das Gleiche gilt für die Vergewaltigungskultur. Du fragst dich: Warum wurde diese Frau vergewaltigt? Dann fragst du: Warum wird irgendeine Frau vergewaltigt? Warum werden so viele Frauen vergewaltigt? Gab es in jeder Kultur Vergewaltigungen? War jede Kultur eine Vergewaltigungskultur? Und sobald diese Fragen beginnen, gehst du zurück zu den Wurzeln des Problems, im Falle der Vergewaltigung der patriarchalische Imperativ zum Missbrauch, im Falle der Zivilisation die ökonomischen Arrangements, und ebenso der patriarchalische Imperativ zum Missbrauch.

In diesem Sinne ist es also einfach, in einem anderen Sinne ist es sehr hart. Und der schwierige Teil ist, dass man alles aufgeben muss, was vorher Sinn gemacht hat. Du stirbst, das ist der Punkt. Das ist ein sehr beängstigender Prozess, und es kann ein sehr schmerzhafter Prozess sein; es ist ein Prozess, den ich in meinen Zwanzigern durchgemacht habe, wie viele von uns. Joseph Campbell hat es großartig ausgedrückt: Wenn die Zeichen und Symbole der dominanten Kultur für dich Sinn ergeben, dann wird es einen Sinn in deinem Leben geben und ein Gefühl der Übereinstimmung mit dem Universum. Wenn also zum Beispiel die Zeichen und Symbole des Katholizismus für dich funktionieren, dann hast du einen 2000 Jahre alten Pfad, der für dich angelegt wurde. Die Kommunion und die Beichte und all die anderen Rituale geben dir ein Gefühl der Verbundenheit. Oder wenn der amerikanische Traum für dich funktioniert und das Geldverdienen dir Sinn in deinem Leben gibt, dann hast du in diesem Fall ein System von Sinn und Bedeutung, welches immerhin ein paar hundert Jahre lang für dich angelegt wurde. Ich würde sagen, dass diese Bedeutung ziemlich pervers ist, aber lassen wir das. Campbell führt weiter aus: Wenn diese Zeichen und Symbole nicht für dich funktionieren, dann wirst du im Grunde genommen dein Leben bedeutungslos finden, und du bist auf der Flucht. Und dann muss man auf eine, wie er es nannte, Heldenreise gehen (und es tut mir leid für den Sexismus der Sprache). Das ist die Reise, die wir alle finden müssen, durch die wir alle gehen müssen, um Sinn in unserem eigenen Leben zu finden. 

Das Leben besteht aus einer Serie von Tod und Wiedergeburt. Es ist schon erstaunlich, dass die zentrale Botschaft der Jesus Geschichte völlig verfehlt wird. Die zentrale Botschaft ist nicht, dass Jesus ein echter Mensch war, der starb und dann wieder auferstanden ist; die Botschaft ist, dass ein Teil von uns sterben muss, damit ein neuer Teil von uns geboren werden kann. Und dies gilt für viele Aspekte des Lebens. Wenn wir in unseren späten Teenagerjahren und frühen Zwanzigern sind, müssen wir als Kinder sterben, um als Erwachsene geboren zu werden. Der eine Teil wird zurückgelassen, und es entsteht ein neuer Teil. Und dieser Prozess kann unglaublich schmerzhaft und beängstigend sein, weshalb Kulturen auf der ganzen Welt über soziale Rituale verfügen, mit denen die jungen Menschen durch diesen Prozess begleitet werden.

Und das haben wir nicht, daher kann die Dekolonialisierung unglaublich beängstigend sein, weil wir nicht wirklich gute Modelle dafür haben, und insbesondere auch, weil es keine gesellschaftliche Anerkennung für diesen Prozess gibt. Stattdessen werden die Menschen in jedem Moment in die Kultur zurückgeholt. Diese Kultur versucht, uns durch das Fernsehen, durch Bücher, mit allen Mitteln, die es gibt, zurückzubringen; indem sie uns wirtschaftlich zwingt, im System zu bleiben, indem sie uns wirtschaftlich vom System abhängig macht, indem sie dir sagt, dass du ein Verbraucher bist, und nicht ein Bürger oder ein menschliches Tier, das Lebensraum braucht. Es wird ständig untermauert. Aber wenn du eine andere Gemeinschaft finden kannst, eine Gemeinschaft von Menschen, die lebende Bäume mehr schätzen als Geld, welche die reale Welt wertschätzen und deren Loyalität der realen Welt gehört, dann kann das bei diesem Übergang wirklich helfen.

Also, Entkolonialisierung, der wirklich schwierige Teil davon ist, dass es sich um einen großen definitiven Tod und eine Wiedergeburt handelt. Ein Tod deines Glaubens an das System, eine vollständige Verinnerlichung des Verständnisses, dass die dominante Kultur das Leben hasst, und dass die dominante Kultur alles Leben auf dem Planeten töten wird, wenn sie nicht gestoppt wird. So fühlt sich Dekolonialisierung an, es ist der Tod der eigenen Loyalität gegenüber dem System, das dich aufgezogen hat.

Eine andere Art, wie ich immer darüber nachdenke ist: Wenn Außerirdische aus dem Weltall herabgestiegen wären, und sie würden die Ozeane vakuumisieren, das Klima veränderten, die Muttermilch jeder Mutter mit Dioxinen kontaminieren, den Planeten auslöschten, und uns dafür Computer, Tomaten im Januar und andere Annehmlichkeiten geben, die wir uns wünschen. Wenn Außerirdische dies täten, hätten die meisten von uns keine Schwierigkeiten, sich zu entkolonialisieren, weil wir es sehen würden. Aber nach fünf, zehn und fünfzehn Generationen werden die Menschen es nicht mehr sehen. 

Und einer der Gründe, warum wir hinsichtlich dieser Dinge so dumm geworden sind ist, dass wir von Kindheit an dieser Kultur die Treue geschworen haben, und es wurde uns beigebracht, dass diese Kultur wichtiger ist als ein lebendiger Planet. 

Noch einmal, wir müssen darüber nachdenken, als wären es außerirdische, die den Planeten zerstören. Denn es spielt keine Rolle, wer den Planeten zerstört; sie zerstören den Planeten und müssen gestoppt werden. 

Für mich besteht dieser Prozess der Entkolonialisierung, in seiner absoluten Essenz, aus der Erklärung der Loyalität gegenüber der realen Welt.

Übersetzung: Boris Forkel

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