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Call Me Crazy: Babylon Apocalypse

Von Boris Forkel / Deep Green Resistance Germany

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Nennt mich verrückt, aber ich habe den Abend damit verbracht, in meinem Garten zu sitzen und der ersten Erdkröte, der ich dieses Jahr begegnete zu erzählen, was ich alles so mache und warum. Ich erzählte ihr von Deep Green Resistance, von der Zerstörung der natürlichen Welt durch unsere Kultur und ich bat sie, mir mitzuteilen, wie sie und ihre Art all dies wahrnehmen.

Ich weiß nicht, ob ich sie richtig verstanden habe, aber was ich hörte war: „Nun, zu viele von uns sterben. Wir wissen, dass manche von euch versuchen, uns zu helfen. Das ist nicht genug. Es muss aufhören.“

Es spielt keine Rolle, ob ich projiziere oder nicht. Die Kröte hat Recht.

Sie zeigte keine Scheu, saß still direkt neben mir, bewegte sich hin und wieder ein wenig und betrachtet mich mit wunderschönen roten, ernsten Augen.

 Ich tue dies regelmäßig, ich gehe an die wildesten Plätze, die es hier noch gibt und höre der Natur zu.

Ich sehe verschiedene Arten von Insekten, Wildbienen, Hummeln, Mücken, Käfer, einige wenige Libellen. Ich sehe –und höre– Vögel, aber ich kann nur etwa fünf oder sechs Arten unterscheiden. Ich liebe den Ruf des Käuzchens, wenn es dunkel wird.

Ich weiß, dass die Hirschkäfer Anfang Juni aus der Erde kommen, wo sie drei Jahre lang als immer fetter werdender Engerling gelebt hatten, um mit gewaltigem Brummen hoch in den Sommerwald fliegen. Dort werden sie sich auschließlich von dem den Saft der selten gewordenen alten Eichen ernähren, den die Weibchen bereiten, da die Männchen aufgrund ihres Geweihs die Rinde nicht aufbeißen können. Jeden Juni warte ich in meinem Garten, um sie willkommen zu heißen. Gegen Ende des Sommers führen sie ihre ekstatischen Kämpfe und Paarungsrituale durch, bis sie nach nur drei Monaten als größter Käfer Europas schon wieder sterben müssen, um hungigen Vögeln als herbstliche Delikatesse zu dienen.

Ich sehe Eichhörnchen, Fledermäuse, Erdkröten, Grasfrösche und Feuersalamander. Manchmal begegne ich größeren Tieren: Wildschweine, Dachse, Füchse, Rehe, doch diese haben Angst vor mir und flüchten meist schnell.

Die europäischen Bisons oder Wisente, die früher in diesen Wäldern lebten, kenne ich nur aus dem Zoo. Sie sind gigantisch, wunderschön, freundlich und zutraulich. Sie schauen mich mit liebevollen Augen an, und aus ihnen allen spricht die gleiche Frage:

Warum?

Zweimal in meinem Leben habe ich eine Schlange gesehen. Die erste Begegnung war eine Kreuzotter, vor vielen Jahren in einem Dorf im Odenwald, als ich noch Schüler war. Die zweite war vor wenigen Monaten eine gewaltige Ringelnatter in meinem Garten. Sie (oder er) lag auf einer Eiche, die kürzlich von einem Sturm umgeworfen worden war, und genoss die Sonne.

Nach dieser Begegnung wollte ich mehr über sie erfahren. Ich las, dass Ringelnattern früher als Hausschlangen galten und im Ruf standen, Glück und Segen zu bringen. Die Ringelnatter wurde bis ins späte Mittelalter von vielen Völkern Europas verehrt und tauchte in zahlreichen Mythen auf. Die Menschen fütterten Ringelnattern mit Milch, genau wie es die indischen Dörfler in Rudyard Kipling‘s Dschungelbuch mit ihrer heiligen Dorfkobra tun.

Heute kann man sich glücklich schätzen, wenn man einmal im Leben eine Ringelnatter zu Gesicht bekommt.

Ich sehe die Sterne und den Vollmond. Ich spreche zu ihnen und all den Tieren, Pflanzen und lebenden Wesen, die mich umgeben. Ich erzähle ihnen, was ich tue und warum, und ich spreche Gebete. Ich erkläre Ihnen meine Loyalität. Ich sage ihnen, dass ich einer von ihnen bin und dass ich alles in meiner Kraft stehende tun werde, um Ihnen zu helfen. Sie sind meine Verwandten.

Ich bitte Sie mir mitzuteilen was das wichtigste ist, das ich für sie tun kann. Und ich sage ihnen, dass ich sie liebe.

Die Kröte sitzt immer noch neben mir. Sie (oder er) schaut mich an, lässt sich fotografieren und wartet höflich, bis ich mit meinen Ausführungen fertig bin. Dann trottet sie langsam weiter in Richtung des Teiches, den ich für die ihrigen als Habitat gebaut habe.

Es wird dunkel. Wie schon tausend Male zuvor mache ich mich auf den Weg von meinem Garten zu meiner kleinen Wohnung in der Stadt. Wie schon tausend Male zuvor schaue ich hinunter über den Neckar und sehe Babylon. Ich fürchte Babylon. Ich habe fürchterliche Angst vor Babylon.

Der Neckar wurde einst „wilderster Fluss Deutschlands“ genannt, aber seit mindestens 2000 Jahren wird er vergewaltigt, seit die römischen Invasoren die alte Brücke bauten, die bis heute besteht. Der Fluss dient heute im Wesentlichen nur noch als Straße für die zahlreichen Lastschiffe, die verzweifelt versuchen, den unersättlichen Hunger von Babylon zu stillen. Wie auch der Rhein muss er früher voller Lachse gewesen sein, aber dies ist so lange her, dass sich kein Mensch daran erinnern kann. Ich bin mir sicher, dass die Bäume es noch wissen.

Während der letzten zwei Jahre versuchen Bieber, die seit etwa 150 Jahren praktisch augerottet sind, den Fluss wieder zu bewohnen. Es soll wieder etwa 3000 von ihnen in Baden-Württemberg geben. Die Landesregierung überlegt, etwa die Hälfte von ihnen zu töten, weil sie angeblich zu viel Schaden an Bäumen anrichten.

Die natürliche Welt ist voller Weisheit. So oft sitze ich hier oder da, lausche, spreche, bete. Der Fluss, der Wald und all die Kreaturen, die hier noch leben, sprechen verschiedene Sprachen und haben unterschiedliche Botschaften. Sie haben mich vieles gelehrt und ich habe noch viel mehr zu lernen. Aber in einer Sache sind sich alle einig:

Es muss aufhören. Babylon Apokalypse.

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