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Soft Power

Beitragsbild von Kaipo, 4 Jahre alt.

Von Boris Forkel / Deep Green Resistance Germany

English version of this article

„[…] Seit den historischen Anfängen [wurde] versucht, Machttechniken zu entwickeln, mit denen sich unsere moralischen Sensivitäten gleichsam unterlaufen lassen, die also weniger Widerstand im Volk aktivieren. Diese Machttechniken werden heute oft als Soft Power bezeichnet. Soft Power ist das gesamte Spektrum von Techniken, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Vermittlungs- instanzen für diese Formen der Machtausübung sind – unterstützt durch Stiftungen, Think Tanks, Elitenetzwerke und Lobbygruppen – insbesondere private und öffentliche Medien, Schulen und der gesamte Erziehungs- und Ausbildungssektor sowie die Kulturindustrie. Die Wirkungen von Soft Power-Techniken sind für die Bevölkerung weitgehend unsichtbar; es ist also kaum mit Protesten gegen diese Formen der Indoktrination zu rechnen. Machtökonomische Gründe sprechen dafür, vorwiegend Soft Power einzusetzen und diese Tech- niken auf der Basis einer wissenschaftlichen Erforschung unserer kognitiven und affektiven Eigen- schaften für Manipulationszwecke zu verfeinern und zu optimieren. Dies ist in den vergangenen hundert Jahren in sehr systematischer und folgenreicher Weise geschehen.“

–Rainer Mausfeld1

Neben der Zerstörung der Lebensgrundlagen und der Gemeinschaft ist die Zerstörung des Selbst eines der wichtigsten Dinge, die unsere „Kultur“ tun muss, um zu funktionieren. Denn wenn unser Selbst nicht zerstört worden wäre, würden wir uns nicht mit all dieser Scheiße abfinden. Wir würden nicht zur Arbeit gehen, um jeden Tag acht Stunden oder mehr von unserer Lebenszeit zu verkaufen. Wir würden nicht zulassen, dass unsere Welt von reichen, pathologisch wahnsinnigen Männern zerstört wird. Wir würden unseren eigenen Kindern keine tägliche Gewalt antun, wenn auch meist in einer recht „weichen“ Form.

Natürlich ist die Zerstörung des Selbst ein sehr langer und schmerzhafter Prozess und muss daher schon in jungen Jahren beginnen. Rainer Mausfeld, Professor für Psychologie und Kognitionsforschung an der Universität Kiel, sagt, dass der Begriff Kompetenz einer der ideologischsten Begriffe unserer Zeit ist. „Die Frage, die sich die Machthaber gestellt haben“, sagt Mausfeld, ist, „wie zerlegen wir das Selbst des Individuums in ein Bündel von Kompetenzen.“ Er sagt auch: „Die Schule ist das wichtigste Soft-Power-Instrument des Staates.“

Was Kinder in der Schule lernen, sind nicht zuletzt Fähigkeiten und Kompetenzen, bestenfalls eine Form von sozialer Kompetenz. Was sie nicht lernen, ist, ein Mensch zu sein, sich zu entwickeln, zu denken, zu fühlen, einfach zu sein.

Das beunruhigt mich sehr, denn ich bin der Vater eines kleinen liebevollen Sonnenscheins namens Leonard, der diesen Sommer in die Schule kommen wird.

Als Leo in den Kindergarten kam, begann für mich ein Prozess der Erinnerung an meine eigene frühe Kindheit. Ich erinnerte mich, wie sehr ich den Kindergarten und die Schule hasste, und es brachte mich dazu, über diese Formen von Soft Power nachzudenken.

Leos Kindergarten ist in der Tat ein sehr guter. Es ist einer der berühmten „Waldkindergärten“, was bedeutet, dass die Kinder den ganzen Tag im Wald sind. Dennoch mussten wir dass durchlaufen, was sie Akklimatisierungsphase nennen, denn ein dreijähriges Kind muss daran gewöhnt werden, von seinen Eltern allein gelassen zu werden. Während der zwei Wochen dieser Phase musste einer von uns bei unserem Sohn im Kindergarten bleiben und ab und zu für eine Weile weggehen, um ihn daran zu gewöhnen, ohne uns zu sein.

So oft habe ich kleine Kinder weinen sehen, wenn seine oder ihre Mutter ihn oder sie einem der ErzieherInnen übergab und ging. „Geh nicht weg Mama, lass mich nicht alleine!“ schrien die kleinen in schierer Panik. „Es tut mir so leid, mein kleiner Liebling, ich muss zur Arbeit“ war die übliche Antwort.

Ich lebe in einem ziemlich komfortablen sozialen Umfeld. Die meisten Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind anständige und nette Leute aus der Mittelklasse, die ihre Kinder lieben und sich um sie kümmern. Einige von ihnen sagten mir sogar, dass es ihnen das Herz bricht, sie zu verlassen. Aber sie wurden – wie wir alle – konditioniert. Sie glauben, so ist eben das Leben und dass muss eben sein.

Einmal weinte ein Kind, dessen Mutter gerade mit der üblichen Erklärung gegangen war, und wollte einfach nicht aufhören. Ian, der damals der älteste Junge im Kindergarten war, weil er noch nicht als „schulreif“ galt (ernsthaft, wer ist das schon?), kommentierte mit einer der klügsten Erklärungen, die ich je gehört habe:

„Wir müssen in den Kindergarten gehen, weil sie arbeiten müssen; wenn sie nicht arbeiten, verdienen sie kein Geld; ohne Geld können sie kein Essen kaufen, und wir müssen verhungern; verhungern ist schlimmer als Kindergarten.“

An diesem Morgen ging ich nach Hause und weinte. Der siebenjährige Ian hatte gerade einen grossen Teil der inhärenten Gewalt unserer Kultur in einem Satz mit ein paar Semikolons zusammengefasst.

Heute musste ich Leo früh um 6:00 Uhr morgens wecken, weil ich ihn zu seiner Mutter bringen musste, die ihn in den Kindergarten fahren würde. Er hasst es, geweckt zu werden, wie ich es als Kind gehasst habe und immer noch tue. Er weinte und leistete viel Widerstand. Ich hasse es, wenn ich das tun muss, weil ich weiß, dass ich eine „weiche“ Form der Gewalt anwende.

Ich liebe das Zitat von Smohalla, dem Wanapum-Träumer-Propheten: „Meine jungen Männer sollen niemals arbeiten, denn Männer, die arbeiten, können nicht träumen; und die Weisheit kommt zu uns in den Träumen.“

Ich glaube in der Tat, dass es sehr ungesund ist, regelmäßig früh geweckt zu werden, weil die natürlichen Zyklen von Schlafen und Träumen gestört werden. Dass die meisten von uns früh aufstehen müssen, für Kindergarten, Schule, Arbeit, ist sehr schlecht für unsere geistige Gesundheit und muss daher als Teil der Zerstörung des Selbst betrachtet werden, das uns unsere „Kultur“ zufügt.

Normalerweise wecke ich ihn so spät wie möglich für den Kindergarten. Da alle fleißig arbeiten, gibt es in der Nachbarschaft keine Gemeinschaft und keine anderen Kinder zum Spielen. Aus diesem Grund möchte ich, dass er in den Kindergarten geht, denn nur so hat er die Möglichkeit, regelmäßig mit anderen Kindern in Kontakt zu treten und etwas soziale Kompetenz zu erwerben.

Wir hatten einige Treffen in der Grundschule, die er besuchen wird. Ich ging mit ihm hin, und wir warteten mit einem Haufen Kinder aus verschiedenen Kindergärten auf die Lehrerin, während Schulkindern um uns herum spielten. „Klasse 2b, ins Klassenzimmer!“ rief eine Lehrerin. Sofort rannten ihr etwa 25 Kinder hinterher. Es ist erstaunlich, dachte ich, wie sie in ihrem sehr jungen Alter konditioniert werden, um militärisch gebrüllten Befehlen zu folgen.

Unsere Lehrerin kam und wies uns an, ihr zur Turnhalle zu folgen. An der Tür nahm sie Leos Hand, lächelte mich an und sagte: „Papa wartet draußen.“ Während alle anderen reingingen, war ich der Einzige, der auf dem kalten Schulhof warten musste. Nach einem kurzen Überraschungsmoment verstand ich. Ich war der einzige Elternteil gewesen, während alle anderen Erzieher waren.

Das System muss uns schon sehr früh voneinander trennen, um die stärksten Bindungen zu zerstören und uns schwach und konform zu machen. Natürlich sind die meisten LehrerInnen nette und wohlmeinende Menschen, zumindest in der Grundschule in meiner Nähe. Aber sie haben den gleichen Prozess der Konditionierung durchlaufen. Sie haben gelernt, dass es das Wichtigste ist, Befehlen zu folgen. Und das ist es, was sie tun. Gerade hier in Deutschland sollten wir wissen, dass dies an sich schon sehr, sehr gefährlich ist.

Es macht mir Angst.

„Indianerkinder sind nie allein. Sie sind zu jeder Zeit umgeben von Großeltern, Onkeln, Neffen, von allerlei Verwandten, die mit den Kleinen schmusen, ihnen vorsingen, ihnen Geschichten erzählen. Wo immer die Eltern hingehen, kommen die Kinder mit“, sagte John (Fire) Lame Deer. Schulen wurden in den USA in einer systematischen und brutalen Weise verwendet, um die Art von Gemeinschaft zu zerstören, die Lame Deer beschreibt. Natürlich war die Schule für sie viel härter als für uns zivilisierte Menschen. Ein Grund dafür ist der Rassismus, ein anderer die systematische Zerstörung ihrer Muttersprachen, die größtenteils durch die Schule erfolgte. Aber es ist auch deswegen, weil sie es einfach nicht gewohnt waren. Damals wussten sie noch, wie sich Freiheit und echte Gemeinschaft anfühlen. Sie hatten noch etwas, das wir längst verloren haben.

Ich habe mich oft gefragt, warum die Schule so lange dauert. Ich besuchte die Schule für 12 schmerzhafte Jahre, und ernsthaft, die meiste Zeit war verschwendet. Lesen und Schreiben zu lernen ist nicht so schwierig, ebenso wenig wie das Erlernen grundlegender Mathematik. Es gibt Tausende von großartigen Büchern, die viel mehr abdecken als die Dinge, die sie uns in der Schule beibringen. Jede durchschnittlich intelligente Person könnte sich in ein bis zwei Jahren auf einen Abschluss vorbereiten.

Also, warum die ganze vergeudete Zeit?

Weil die Funktion des Schulsystems in erster Linie darin besteht, uns mit der Erfahrung zu konditionieren, dass unsere Lebenszeit nicht uns, sondern einem System gehört. Wir müssen konditioniert werden, um jeden Tag acht Stunden oder mehr von unserer Lebenszeit zu verkaufen. Wir müssen konditioniert und gebrochen werden, um uns mit dem Unternehmen zu identifizieren, für das wir arbeiten, anstatt mit einer Gemeinschaft von Familie und Freunden oder gar dem Land, auf dem wir leben.

Deshalb zerstören sie alles. Die Gemeinschaft, das Land, und sogar das Selbst.

Ansonsten würden wir nicht den geringsten Teil all dieser Scheisse mitmachen. Wir würden Widerstand leisten, wie die Indianer, bis zum Tod.

  1. Quelle: https://www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/pubs/Mausfeld_Die_Angst_der_Machteliten_vor_dem_Volk.pdf, S. 6

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