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Engagement – wofür und wohin?

Ein Gastbeitrag von Dr. Andreas Meißner

Es war wieder spät geworden. Voll innerer Wut hatte ich noch bis nach Mitternacht Plakate mit dem Bild einer toten Biene aufgehängt. Sollen die Bürger meines Stadtviertels doch knallhart sehen, wohin unsere Lebensweise führt. Obwohl – und das ist mir als Psychiater klar – natürlich negative Botschaften die Menschen nicht sehr motivieren. Für lange Bewusstseinsänderungen mit positiven Botschaften fehlt aber mittlerweile die Zeit. Einem Raser auf der Autobahn wird die Beifahrerin auch nicht erst lange Vorträge über die Vorzüge von Entschleunigung halten – sondern lautstark ein Bremsen einfordern.

Jetzt waren Landtagswahlen in Bayern. Ich habe mich hinreißen lassen, für die ödp als Direktkandidat anzutreten. Die Unabhängigkeit von Konzernspenden, das Motto „Mensch vor Profit“ und die ökologischen Themen als das Wichtigste überhaupt haben mich dazu bewogen, der Anfrage vor einem Jahr, ob ich kandidieren würde, nachzugeben. Auch wenn man dann eben seine Plakate selbst aufhängen muss. Als zugegebenermaßen langjähriger Grün-Wähler aber hatte mich zunehmend gestört, dass die Grünen sich verzetteln, sich dem Mainstream anpassen und tatsächlich reichlich Spenden von Auto- und Rüstungsfirmen annehmen. So wird schon mal eine Grünen-Party von der Waffenfirma Diehl gesponsert. Die haben sonst Lenkflugkörper, Handgranaten sowie Infanterie- und Marinemunition im Angebot.

„Ist doch gut, wenn das Geld von Konzernen bei uns landet“, meinte die Grüne-Direktkandidatin meines Wahlkreises neulich. „Dann können wir gute Sachen damit machen, etwa frauenspezifische Kongresse fördern“. Frei im Kopf, unabhängig und authentisch? Schon vorbei. Und grüne Themen? Ach, egal. Die Umwelt kann warten. Aber gut, ich will hier gar nicht in die Tiefen des Parteiensumpfes einsteigen. Nur so viel noch: Grün hatte jetzt mit über 17% große Erfolge in Bayern. Da hat die gut situierte Mittelschicht ihr Mittel zur Gewissensberuhigung gefunden. Sollen die jetzt mal machen, und wir fliegen und konsumieren weiter. Kretschmann ist seit Jahren grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Getan hat sich nichts. Rot-grüne Koalition 1998 bis 2005? Kriege und Hartz IV. Okay, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) haben sie 2000 eingeführt. Einstieg in die Energiewende. Dafür aber kommen immer mehr strombetriebene Geräte, wie Handys, Tablets, E-Bikes und bald auch E-Autos. Die alle noch dazu irrsinnig viele Ressourcen benötigen wie Lithium und Kobalt, die wir uns in alter Manier in Afrika holen. Und die Umweltprobleme löst Grün auch mit Technik, grünes Wachstum, ist doch klar! Nein, klar ist nur: mit Grün ist kein Umsteuern in Deutschland zu bewirken, in der nötigen kurzen Zeit schon gar nicht.

Und was wird nun aus der so öko-engagierten ödp in Bayern? Ergebnis: 1,6%. Opfer einer Stimmungswahl zwischen AfD und Grünen. Die ödp bleibt somit underdog. Diese ein bis zwei Prozent Wähler sind offenbar die, die wirklich erkannt haben, dass es so nicht mehr weitergehen kann, wie das ein Neu-Mitglied neulich auch sagte, und gleich mal mit Plakate aufgehängt hat. Die Umweltkatastrophen, die wir alle vor 30 Jahren als weit in der Zukunft liegend betrachtet haben, sind inzwischen da: Sommer von April bis Oktober, Insektensterben von 75, Vögelsterben von 65 Prozent, knapper werdende Rohstoffe, was bei Öl und Gas ja eigentlich gut ist, aber zu Verwerfungen führen wird. Der BND warnt vor einer mittelfristig dreistelligen Zahl an Umweltflüchtlingen weltweit. Dürren führen zu sozialen Spannungen, der Syrien-Krieg ist auch Folge einer voraus gegangenen fünfjährigen Trockenheit. And so on … .

Ich frage mich, was kann ich tun? Als Student war ich in den 80er-Jahren oft in Wackersdorf, und habe auch später immer wieder gerne demonstriert, ob gegen Atomkraft, die in München mal geplante Magnetschwebebahn oder die dritte Startbahn am Flughafen. Ja, all diese Dinge haben wir verhindern können. Gleichzeitig wachsen dem Monster aber so viele neue Kraken, dass wir mit dem Demonstrieren gar nicht mehr nachkommen. Wenn überhaupt noch jemand demonstriert. Inzwischen diskutieren „die“, die Technokraten, ernsthaft die Einführung von Flugtaxis. Juckt das jemand?

Ich bin langjährig Mitglied im Bund Naturschutz, wie es sich gehört. Ich und meine Familie beziehen seit über 20 Jahren die Biokiste. Und kaufen auch sonst fast nur Bio ein. Ich fliege nicht mehr seit 12 Jahren, fahre über 3000 Kilometer im Jahr mit dem Rad (mit dem Auto sind es leider noch 10.000 Kilometer, was aber für einen 3-Personen-Haushalt eher unterdurchschnittlich ist), habe eine Photovoltaik- und thermische Solaranlage auf dem Dach. Toll, was für ein Umweltheiliger ich bin. Aber der CO2-Ausstoß liegt immer noch bei 9 Tonnen pro Jahr. Im Vergleich zum deutschen Durchschnitt von 11,6 Tonnen ist das nicht schlecht. Aber nötig wären 2 Tonnen.

Spätestens seit dem Update von „Grenzen des Wachstums“ 2004 treiben mich die Öko-Fragen immens um, so dass ich schließlich ein Buch 2017 im oekom-Verlag geschrieben habe. Ich habe es selbst mit finanziert, ich wollte einfach, dass es durch das Erscheinen in einem für gute Öko-Bücher bekannten Verlag viele Menschen erreicht und dadurch etwas bewegt. Die, die es gelesen haben, waren tatsächlich bewegt. Viele gerade auch ältere Menschen, die unter dem Verlust der Umwelt besonders leiden, haben mir das bestätigt. Aber in der Flut der jährlich erscheinenden Bücher, auch dieses Verlages, geht das unter. Wie so vieles untergeht in unserer reizüberfluteten Mainstream-Gesellschaft.

Anstieg der Zahl der Buchveröffentlichungen im oekom-Verlag, recherchiert über buchhandel.de

Ich habe also viel demonstriert, ein Buch geschrieben, etliche Vorträge gehalten, letztes Jahr eine Tagung zu „Burnout von Mensch und Erde“ organisiert, eine Transition-Town-Gruppe mitgegründet, fast immer grün gewählt, jetzt für die ödp kandidiert. Hat sich etwas durch mein Engagement und das vieler anderer Umweltschützer geändert? CO2 ist weiter gestiegen, die Arten sind weiter gestorben, die Böden weiter erodiert, und auch die Weltbevölkerung weiter gewachsen. Die ökologischen Regulationsmechanismen, denen wir laut des renommierten Ökologen Wolfgang Haber weiter unterworfen sind, werden auch uns in die Schranken weisen, und dies wird wohl kaum zu verhindern sein, allenfalls zu lindern. All das passiert schleichend, „shifting baselines“ nennt man das heute, wie der Frosch, der das langsam wärmer werdende Wasser nicht bemerkt.

Und wir bemerken nicht die sich langsam verschiebenden Grundkoordinaten des Daseins, dass es weniger summt, dass es zu lange zu warm und zu trocken ist, dass es weniger Fische im Meer gibt, dafür umso mehr Plastik, und so weiter. Und merken wir es doch, müssen wir es schnell verdrängen, weil wir den Schmerz nicht aushalten. Schnell das Handy oder den Fernseher eingeschaltet – „wir amüsieren uns zu Tode“. Dieser Buchtitel aus den 80er-Jahren bekommt mittlerweile eine ganz andere Bedeutung.

Der „offene Brief an die Umweltschutzbewegungen“ 1 hat mich daher zutiefst berührt. Ja, es macht keinen Sinn, länger auf einen Übergang in eine nachhaltige Gesellschaft mit erneuerbaren Energien zu setzen! Ja, es geht nicht darum, dass ich mich mit meinem Engagement gut fühle. Sondern dass wir tun, was getan werden muss. Der Begriff des Widerstands taucht daher in mancher Literatur in letzter Zeit wieder häufiger auf, und hier ja auch. Und wenn ich in meiner Arztpraxis nicht die technokratische Internet-Zwangsvernetzung, genannt „Telematikinfrastruktur“, vollziehe, die nur monopolistischen IT-Konzernen etwas bringt, nicht aber dem Patient oder Arzt, ist das Widerstand. Wenn ich mir weiterhin kein Smartphone anschaffe und auch nicht fliege, ist das Widerstand. Wenn ich, wie es mir gestern morgen passiert ist, die ihre süßen Kleinen mit dem Auto zur Grundschule bringenden und damit die Straße verstopfenden Eltern anschreie beim Versuch, mich mit dem Fahrrad durchzuschlängeln, ist das Widerstand. Aber all das reicht nicht.

Von daher habe ich große Sympathie für den tiefenökologischen Widerstand. Nur: es geht nicht nur um den alten Kampf der Arbeiter gegen die herrschende Klasse. Es geht um uns alle, ob arm oder reich. Niemand zwingt selbst nicht so wohlhabende Menschen, sich trotzdem ein Auto und das neueste Handy anzuschaffen oder in Urlaub zu fliegen. Wenn man meint, das liegt nur an der Werbung, zeugt das nicht vom besten Menschenbild. Es sei denn, der Mensch ist tatsächlich zu blöd, das Gehirn sinnvoll zu nutzen. Diese Frage ist noch nicht endgültig geklärt. Es liegt wohl eher an einer konsumgesteuerten Selbstbewusstseinssteuerung, was die Werbung natürlich ausnützt.

Im Grunde aber ist der Mensch nicht gut, nicht böse, sondern gnadenlos überfordert. Und klar ist, dass der Mensch ein Lebewesen ist wie andere auch, mit Grundbedürfnissen wie essen, trinken, Gesundheit und Dach über dem Kopf. Und dass er es gerne bequem und einfach hat, sonst hätte er nie den Faustkeil erfunden, sonst säße ich jetzt nicht vor diesem Bildschirm. Und dass der Mensch, um die damit erzielte Befriedigung seiner Bedürfnisse abzusichern, zumeist einen Drang zum „Mehr“ hat, was bei manchen Exemplaren der Gattung leider zu unermesslicher Gier und Ausbeutung anderer führt. Zumal zu speziell menschlichen Bedürfnissen auch sowas wie Geltung und Macht gehört. Bei manchen leider extrem.

Da bleibt keine Hoffnung, dass insbesondere die westlichen Länder freiwillig zu nachhaltiger Lebensweise finden werden. Diese Frage von Derrick Jensen habe ich oft an den Anfang von Vorträgen gestellt. Betretenes Schweigen und skeptische Gesichter waren stets die Folge. Eine Revolution wäre dringend nötig. Aber selbst wenn wir jetzt, ohne Gewalt an Personen auszuüben, nun die wichtigsten Strom- und Serverknoten hacken, die Regierenden der westlichen Länder vertreiben oder sämtliche Start- und Landebahnen dieser Welt besetzen, wird sich nichts ändern. Das System ist zäh und wird sich behaupten. Solange es die Ressourcen dafür hat, solange noch Wasser und Essen einigermaßen zur Verfügung stehen, solange es für 7,5 Milliarden Menschen kein überzeugendes und von sich aus begeisterndes Alternativkonzept gibt.

Ich werde wohl nicht mehr kandidieren nach diesem Experiment. Politik und Bürger haben sich in der Verleugnung der eigentlich zu lösenden Probleme im Grunde verbündet. Ich werde wohl kein Buch mehr schreiben. Das Wesentliche ist im Grunde doch längst gesagt. Es könnte allenfalls dem Ausdruck meiner inneren Not dienen. Ich werde nicht mehr unnötig auf die Einhaltung von 1,5- oder 2-Grad-Zielen hoffen und mich dabei nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Ich werde wohl weiter viel Rad fahren, Bio einkaufen und Zeitung lesen, demonstrieren und anderweitig Widerstand ausüben. Mein Schmerz, meine Sorgen, meine Ratlosigkeit und meine Wut aber nehmen weiter zu.

Man kann sich wohl nur bestmöglich vorbereiten auf die „sozialen Stürme“, die auf uns zukommen. Ressourcenkonflikte, das berechtigte Misstrauen gegenüber der gegenwärtig herrschenden Klasse und deren mangelnde Bereitschaft, die Probleme in den Griff kriegen zu wollen, die Machtübernahme von Rattenfängern, die dem menschlich-mentalen Bedürfnis nach einfachen Lösungen bösartig entgegenkommen, all das passiert bereits und wird zunehmen. Die ganze Situation und auch die Tatsache auszuhalten, dass der Leidensdruck offenbar noch nicht groß genug ist – es also wohl leider noch mehr Dürren, Überschwemmungen, Stürme, Klimatote sowie Nahrungsmittelverknappung geben muss – das ist die eigentliche und schwere Aufgabe dieser Zeit.

  1. http://deepgreenresistance.de/2017/12/15/offener-brief-an-die-akteure-der-umweltschutzbewegungen/

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