AllgemeinWiderstand

Politische Bildung für Arme – Ein Plaidoyer für ein neues politisches Bewusstsein

„Politisches Bewusstsein zu entwickeln ist kein schmerzloser Prozess. Das Wegschauen zu überwinden bedeutet, der täglichen, normativen Gewalt einer ganzen Gesellschaft ins Auge zu blicken, einer Gesellschaft, die aus Millionen von Menschen besteht, welche sich an dieser Grausamkeit beteiligen, wenn nicht direkt, dann als profitierende Zuschauer. Eine Freundin von mir, die in extremer Armut aufwuchs, erinnert sich daran, wie sie in ihrem ersten Jahr an der Universität zu politischem Bewusstsein gelangte, einem Jahr des schmerzhaften Brütens über der einfachen Tatsache, ‚dass es reiche Leute und arme Leute gibt, und dass eine Beziehung dazwischen besteht‘. (…) Aber Wissen über Unterdrückung beginnt mit der Grundüberzeugung, dass Unterordnung falsch und Widerstand möglich ist. Die gewonnene Fähigkeit zur Analyse kann psychologisch und sogar spirituell befreiend sein.“

-Lierre Keith 1

Von Stroke
Stroke@posteo.de

English version of this article

Streng genommen lassen sich alle meine Probleme, das ganze Drama meiner Lebens- und Leidensgeschichte, in einem Wort zusammenfassen: Armut.

Von Geburt an scheint dies mein Schicksal gewesen zu sein, das Element, welches mein Leben am meisten bestimmt. Ich möchte mich wahrlich nicht als Opfer sehen. Aber ich kann die verbreitete Meinung (man könnte auch herrschende Ideologie dazu sagen), dass jede/r für sein/ihr Schicksal selbst verantwortlich ist, dass jede/r es schaffen kann, wenn er/sie sich nur anstrengt und hart genug arbeitet, nicht mehr annehmen. Weil sie schlicht falsch ist.

Ich habe viele Jahre lang ernsthaft versucht, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Ich bin klug, gebildet, habe ein gepflegtes Äußeres und zwei akademische Abschlüsse. Doch es liegt nicht an mir.

Mein „Fehler“ war lediglich, kurz nach der Einführung von Gerhard Schröder‘s Agenda 2010 und den damit einhergehenden Hartz „Reformen“ in den „Arbeitsmarkt“ zu treten.

Was die Armen begreifen müssen, ist, dass Armut politisch gewollt ist. Denn Armut ist eine fundamentale Stütze des Kapitalismus.

Nun ist Geld, zumindest in der Theorie, nichts weiter als ein Tauschmittel. Doch so, wie es de facto genutzt wird, ist es ein ideologisches Machtinstrument mit einem quasi-religiösen Charakter. Und als solches wird es mit zunehmender Brutalität eingesetzt.

Wie Max Wilbert in einem kürzlich veröffentlichten Interview schreibt, [wird] die Welt heute von Menschen regiert, die an Geld als Gott glauben. Sie sind verrückt, aber sie haben große Macht, und sie nutzen diese Macht in der realen Welt. Das ist die physische Manifestation ihrer gewalttätigen, korrupten Ideologie.“2

In seinem Buch Endgame dekonstruiert der amerikanische Autor Derrick Jensen die „Religion“ des Geldes radikal: „Es gibt keine reichen Menschen auf der Welt und keine armen Menschen. Es gibt einfach nur Menschen. Die Reichen haben vielleicht viele Stückchen buntes Papier, von denen viele annehmen, es sei etwas wert – oder deren angenommene Reichtümer mögen sogar noch abstrakter sein: Nummern auf Festplatten bei Banken – und die Armen mögen dies vielleicht nicht haben. Diese „Reichen“ behaupten, Land zu besitzen, und den „Armen“ wird dieselbe Behauptung oft verweigert. Eine Hauptaufgabe der Polizei ist es, die Wahnvorstellungen derjenigen mit den vielen Stückchen bunten Papiers durchzusetzen. Diejenigen ohne buntes Papier nehmen den Glauben an diese Wahnvorstellungen fast genauso schnell und vollständig an wie diejenigen mit. Diese Wahnvorstellungen bringen extreme Konsequenzen für die reale Welt mit sich.“3

Geld ist Macht. Armut ist ein immaterielles Gefängnis. Und die Hartz-Gesetze, mit der dahinter stehenden, verachtenden Ideologie und der systematischen Hetze (Klassismus)4haben den Charakter eines immateriellen Konzentrationslagers.

Willkommen im Faschismus 2.0, dem smarten Faschismus des 21. Jahrhunderts.

Vorab: Mir ist bewusst, dass der Vergleich mit den Konzentrationslagern heikel ist. In keinster Weise möchte ich durch diesen Vergleich den Horror der physischen Nazi-Konzentrationslager banalisieren. Keinesfalls darf dieser Vergleich als eine Geringschätzung des Leids der Betroffenen und ihrer Nachkommen verstanden werden.

Ich spreche von einem immateriellen Konzentrationslager, um klarzustellen, dass es sich dieses Mal vor allem um ideologische Mauern handelt, in denen die Insassen gefangen gehalten werden.

Diese Ideologie allerdings weist einige funktionale Parallelen mit den echten Konzentrationslagern auf. Und diese Praktiken wurden in der deutschen Gesetzgebung, namentlich dem SGB II, umgangsprachlich Hartz-Gesetze genannt, in einen juristischen Rahmen gegossen.

Enteignung: Wer im immateriellen Konzentrationslager HartzIV landet, wird systematisch enteignet. Er/sie wird gezwungen, jegliches „verwertbare Eigentum“ zu veräußern, inklusive angesparter Altersvorsorge. Ohne Neusprech könnte man auch schlicht sagen: Sie werden ausgeraubt.

Entrechtung: Im deutschen Grundgesetz verankerte Rechte, wie das Recht auf Freizügigkeit und freie Berufswahl gelten nicht mehr, sobald man im Bezug ist. „HartzIV ist offener Strafvollzug“, sagt der Unternehmer Götz Werner. Tatsächlich unterliegen HartzIV Empfänger der sogenannten „Erreichbarkeitsanordnung“, d. h. sie müssen jederzeit per Briefpost erreichbar sein, um ggf. bereits am nächsten Tag zur Behörde kommen zu können und sofort für ein Arbeitsangebot verfügbar zu sein.

Zwangsarbeit: HartzIV Empfänger müssen unter Androhung von Sanktionen jede „zumutbare Arbeit“ annehmen. Hierzu schreibt die Journalistin Susan Bonath: „Man setzte Erwerbslose etwa als zusätzliche Ordnungskräfte oder Müllsammler in Städten ein, ließ sie Grünanlagen und Denkmäler pflegen, in Pflegeheimen vorlesen. Eins hatten und haben alle Modelle gemeinsam: Man lässt Betroffene zu absoluten Dumpinglöhnen arbeiten, von denen alleine sie nicht leben können. Arbeitspflichtmodelle für Outgesourcte sind keine Erfindung moderner Kapitalisten. Erinnert sei hier an die Arbeitshäuser, deren Geschichte von der frühen Neuzeit bis hinein ins Industriezeitalter reicht. Die deutschen Faschisten errichteten den Reichsarbeitsdienst. Das Ziel der Herrschenden dahinter ist deutlich: Man wollte die in Krisenzeiten vermehrt produzierte Erwerbslosigkeit unsichtbar machen und die Betroffenen – mehr oder weniger brutal – durch Beschäftigung davon abhalten, über ihre Situation nachzudenken.“5

Es gab Fälle, in denen Frauen von den Behörden nahegelegt wurde, sich zu prostituieren, denn das ist ja –ebenso Dank Gerhard Schröder– inzwischen nichts weiter als ein legaler Job im Dienstleistungssektor.6

Demoralisierung: Man wird regelmäßig unter Androhung von Sanktionen zu Terminen einbestellt und wie ein Verbrecher verhört, zudem mit der Schuldzuweisung und Scham demoralisiert, „schwer vermittelbar“ zu sein. Die Jobcenter betreiben einen perfiden Psychoterror, um ihre Opfer (im Neusprech „Kunden“ genannt) in Angst zu versetzen und systematisch zu demoralisieren. Mit den Worten von anti-HartzIV Aktivist Manfred Bartl: „Es geht an keinem Punkt wirklich um ‚den Menschen‘, sondern darum, diesen entweder zu brechen und/oder zur Identifikation mit seiner fortdauernden Unterdrückung zu bringen. Wo das aber gelingt, wehrt sich niemand mehr gegen dieses Regime, denn dann glauben es alle: Ich bin offenbar selbst schuld, habe es inzwischen ja oft genug am eigenen Leibe erfahren und erlebt. […] das Problem an der Massenerwerbslosigkeit das sind doch eben nicht die Erwerbslosen, die es nur zu „verbessern“ gölte, wie das Hartz IV-Regime dies immer wieder kolportiert, sondern das ist der immer menschenverachtender agierende „Arbeitsmarkt“ auf der einen und das Sozialgesetzbuch II, das diese regelrecht draußen hält, auf der anderen Seite!7

Ausgrenzung, Stigmatisierung und die Schaffung einer neuen Klasse von Menschen: In der Tat zielt das gesamte Design des ideologischen Konzentrationslagers HartzIV darauf ab, in Deutschland eine neue Klasse von Menschen zu schaffen, die es zuvor auf diese Art nicht gab, und es zielt darauf ab, die neue Unterschicht machtlos und in Abhängigkeit zu halten. Widerstand wird durch eine perfide, ausgefeilte Mischung aus Ideologie, Klassenspaltung durch systematische Hetzpropaganda in den Konzernmedien, größtmöglicher ökonomischer Abhängigkeit und permanenter Angst der Betroffenen durch Androhung von Sanktionen von Anfang an im Keim erstickt.

Der Philosoph Byung-Chul Han, der sich mit der modernen Psychopolitik des Neoliberalismus beschäftigt, kommentiert: „Es ist Wahnsinn, in welcher Angst die Hartzer hier leben. Sie werden festgehalten in diesem Bannoptikum,8auf dass sie nicht ausbrechen aus ihrer Angstzelle. Ich kenne viele Hartzer, sie werden wie Müll behandelt. In einem der reichsten Länder der Welt, in Deutschland, werden Menschen wie Abschaum behandelt. Ihnen wird die Würde genommen. Diese Menschen protestieren natürlich nicht, weil sie sich schämen. Sie beschuldigen sich selbst, anstatt die Gesellschaft verantwortlich zu machen, anzuklagen. Von dieser Klasse kann man keine politische Handlung erwarten.“9

Die durch die Hartz Gesetze geschaffenen Institutionen verwalten mit der neuen Klasse ein Heer von Arbeitskräften, die auf niedrigstem Niveau alimetiert werden und jederzeit für jede Form von Arbeit möglichst mobil und flexibel zur Verfügung stehen müssen. Damit üben sie einen enormen Druck auf diejenigen aus, die noch reguläre Arbeit haben. Die Agenda 2010 war somit auch ein effektives Instrument für Lohndumping und zur Schaffung eines neuen, gigantischen Billiglohnsektors, für das Gerhard Schröder von seinen Kollegen aus Frankreich und anderen europäischen Ländern großes Lob erntete.

Das erklärte Ziel der Institutionen (Neusprech Jobcenter) ist es, den Betroffenen existenzsichernde Jobs zu vermitteln, sie also möglichst schnell aus dem Bezug (und damit der Arbeitslosenstatistik) zu bringen. Dieses Ziel ist allerdings nur eine weitere der im Neoliberalismus üblichen Lügen. De facto schaffen es die wenigsten dauerhaft aus dem Bezug. Die Behörden verwalten somit auch einen großen Teil der Working Poor, zu deutsch Aufstocker genannt, die zwar arbeiten, aber deren Löhne unter dem HartzIV Niveau liegen. Sie fallen aus der offiziellen Statistik, bleiben aber in Abhängigkeit und unterstehen weiterhin der vollen Kontrolle der Behörden mit all den oben genannten Maßnahmen.

Die Hetzpropaganda erweist sich oft auf bekannte Weise als selbsterfüllende Prophezeihung für die neue Klasse: Als faule Alkoholiker verhöhnt, enden viele tatsächlich als antriebslose Alkoholiker, um ihr hoffnungsloses Dasein ertragen zu können.

Es handelt sich hier um einen verachtenden Umgang mit einer neu geschaffenen Klasse von Menschen, die in unserer Kultur nichts mehr wert sind. Sie sind überflüssig, Müll, Ausschussware. Wir hatten das schonmal.

Es kann somit nicht wundern, dass HartzIV-Empfänger ein signifikant erhöhtes Stresslevel haben. Mediziner wissen, dass chronischer Stress einer der häufigsten Auslöser von lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen ist. Wer an dem Stress und Psychoterror stirbt oder im medizinisch-industriellen Komplex landet, fällt aus der Arbeitslosenstatistik. So geht KZ heute.

Nur ist die Gewalt im smarten Faschismus 2.0 ideologisch viel besser verpackt und kommt ohne ihre direkten physischen Formen aus, denn direkte, physische Gewalt erzeugt immer Widerstand, den das System unterdrücken bzw. vermeiden muss.

Die moderne, smarte Macht macht sich nicht mehr die Hände schmutzig. Sie nutzt, was Rainer Mausfeld als „Soft Power“ bezeichnet:

„Das wichtigste Ziel ist, einen gesellschaftlichen Veränderungswillen der Bevölkerung zu neutralisieren oder auf politisch belanglose Ziele abzulenken. Um dies in einer möglichst robusten und beständigen Weise zu erreichen, zielen Manipulationstechniken auf weit mehr als nur auf politische Meinungen. Sie zielen auf eine gezielte Formung aller Aspekte, die unser politisches, gesellschaftliches und kulturelles Leben betreffen sowie auch unsere individuellen Lebensformen. Sie zielen gewissermaßen auf die Schaffung eines »neuen Menschen«, dessen gesellschaftliches Leben in der Rolle des politisch apathischen Konsumenten aufgeht. In diesem Sinne sind sie totalitär, so dass der große Demokratietheoretiker Sheldon Wolin zu Recht von einem »invertierten Totalitarismus« spricht, einer neuen Form des Totalitarismus, der von der Bevölkerung nicht als Totalitarismus empfunden wird.“10

Man kann unsere Gesellschaft oder vielmehr was davon übrig ist, nicht verstehen, ohne zu begreifen, dass sie aus sozialen Schichten oder Klassen besteht. Die kapitalistische bzw. neoliberale Ideologie besagt, dass es keine Klassen oder Schichten gibt, ja nicht einmal Gesellschaft.

„So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht“, sagte schon die eiserne Lady Margaret Thatcher. Es gibt nur Individuen, die ihre Eigeninteressen auf den Markt durchsetzen (müssen). Inzwischen hat es die neoliberale Ideologie, die von Thatcher so eisern vorangetrieben wurde (Thatchers „there is no alternative“ wurde von Angela Merkel mit ihrem „alternativlos“ gekonnt übernommen) in der Tat geschafft, das, was von der Gesellschaft übrig war, vollkommen zu atomisieren und in ein Aggregat total vereinzelter und entfremdeter Individuen zu verwandeln, die auf dem Arbeitsmarkt miteinander konkurrieren und sich leidenschaftlich selbst ausbeuten, während die Unteren im immateriellen Gefängnis Armut oder dem KZ HartzIV vor sich hinsiechen.

Die Ideologie ist so tief in die Köpfe gehämmert, die Scham der Unteren über ihr Versagen so groß, dass sie sich nicht wehren und in diese modernen Formen von Skaverei und Zwangsarbeit fügen. Der systematisch geschührte Hass zwischen den Klassen führt dazu, dass die Intellektuellen und die Mittelschicht, denen eigentlich die moralische Pflicht zustünde, sich mit den Unteren zu solidarisieren und derart systematische Unterdrückung abzulehnen, leider größtenteils Mitläufer sind und die modernen Konzentrationslager akzeptieren, genau wie die braven Deutschen es früher bereits taten. Man hätte ja auch, damals wie heute, aufstehen können (aufstehen müssen!) und sagen: Das machen wir nicht mit!

Viele Menschen (zumindest in Deutschland) neigen immer noch dazu, das Rechtssystem und ausführende Behörden als etwas Positives zu betrachten, als Institutionen, die geschaffen wurden, um der Bevölkerung zu dienen und zu helfen. Mittlerweile herrscht auch hier der neoliberale Neusprech. Gesetze und Behörden werden zunehmend als Instrumente der Ausbeutung und Unterdrückung geschaffen und eingesetzt.

„Law organizes power“, wie es die Anwältin Catherine McKinnon ausdrückt.

Die soziale Realität der Unteren, derjenigen, die in Armut oder HartzIV gefangen gehalten werden, kann (und soll) von den oberen Schichten, den gut verdienenden Ärzten, Rechtsanwälten, Richtern und so weiter, und der Mittelschicht, die sich, von der neoliberalen Ideologie indoktriniert, leidenschaftlich selbst ausbeutet, nicht verstanden werden. Daher sind diese Schichten sehr leicht zugänglich für die Hetze und den Klassenrassismus, der von den Herrschenden betrieben wird. So wenig wie es damals Widerstand in der Bevölkerung gegen die Konzentrationslager gab, so wenig Widerstand gibt es heute gegen die massenhafte Verarmung, die Unterdrückung und die systematische Ausbeutung großer Bevölkerungsschichten durch die Hartz-Gesetze.

Wie Susan Bonath schreibt, plant „die Macron-Regierung in Frankreich (…) ebenfalls massiven Sozialabbau. Und: Sie will die Erwerbslosen ähnlich wie in Deutschland bespitzeln lassen. Dafür, so teilte das Pariser Arbeitsministerium jüngst mit, werde man den Verwaltungsapparat personell aufstocken. Statt 200 sollen künftig 1.000 Kontrolleure auf Erwerbslose losgelassen werden. Das Ziel der Agenda der Herrschenden hier wie da ist klar: Noch Beschäftigten wird ein Maulkorb verpasst. Sie sollen aus Angst vor dem Abstieg stillhalten. Die Knechtschaft des 21. Jahrhunderts lässt grüßen.“11

Bevor die Macron-Regierung ihre „Reformen“ soweit treiben konnte wie in Deutschland, gehen in Frankreich und anderen Ländern bereits massenhaft arme Menschen auf die Straße. Die gelben Warnwesten, die sie tragen, sind ein kraftvolles Symbol für einen vereinigten Widerstand der Armen und ökonomisch abgehängten.

Wenn man derzeit in Heidelberg, wo ich lebe, einer reichen und ziemlich elitären Universitätsstadt, mit einer gelben Weste herumläuft, sprechen die Blicke der Menschen Bände. Sie schauen dich an wie einen Kriminellen. „Arbeiterklasse“ sagen ihre Blicke, „Unterschicht“, „Dreck“.

Ich hatte vor dem Anlegen der Weste leider vergessen, dass (sogar nur symbolischer) Widerstand, der ja lediglich ein Kampf um unsere grundlegenden Rechte und Lebensgrundlagen ist, in der hiesigen, hochgradig konformistischen Gesellschaft verboten ist. In der Tat ein „invertierter Totalitarismus“.

Auch die üblichen selbstgerecht-entsetzten Kommentare der gutbürgerlichen über die Gewalt der Aufständischen sind blind für die inherenten, tief in unserem Gesellschaftsystem verankerten Formen der systematischen ökonomischen und strukturellen Gewalt, gegen die sich die Armen und ökonomisch abgehängten in den gelben Westen wehren. Sie wollen nicht sehen, dass unsere Gesellschaft „auf einer klar definierten und weithin akzeptierten, jedoch oft unausgesprochenen Hierarchie [basiert]. Gewalt, die von denjenigen, die in der Hierarchie höher stehen, an denen, die niedriger stehen verübt wird, ist fast immer unsichtbar, das heißt unbemerkt. Wenn sie bemerkt wird, wird sie vollkommen rationalisiert. Gewalt, ausgeübt von denen, die niedriger stehen an denjenigen, die höher stehen ist undenkbar und wird, falls sie vorkommt, mit Schock, Horror und der Fetischisierung der Opfer betrachtet.“12

Gerade habe ich von einer Aktivistin erfahren, die Besuch von der Kriminalpolizei bekam, weil sie eine gelbe Weste von ihrem Balkon hängen ließ. Es sei „nicht in Ordnung, wenn jemand seine politische Meinung so heraushängt“, wurde sie von der Polizei belehrt.

Willkommen im Faschismus 2.0.

Es ist an der Zeit für einen globalen Aufstand der Armen.

Unser gemeinsames Ziel muss es sein, den Reichen ihre Fähigkeit zu nehmen, von den Armen zu stehlen, und den Mächtigen ihre Fähigkeit, den Planeten zu zerstören.

Steht auf.

1 Aric McBay, Lierre Keith and Derrick Jensen (2011): Deep Green Resistance: Stategy to Save the Planet S. 73

2 https://dgrnewsservice.org/resistance/strategy/towards-a-revolutionary-ecology-an-interview-with-max-wilbert/

3 Derrick Jensen (2006) Endgame Vol 1: The Problem of Civilization S. XI

4 Ich schlage diesen vom englischen classism übernommenen Begriff als Alternative zum etwas sperrigen Klassenrassismus vor.

5 https://www.rubikon.news/artikel/der-andere-krieg

6 „Das jetzt gültige Prostitutionsgesetz entstand unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder (SPD) und ist seit Januar 2002 in Kraft. Es gilt als eines der weltweit liberalsten – was ihm den Vorwurf einbrachte, Deutschland zum „Bordell Europas“ gemacht zu haben. Seit 2002 gilt Sexarbeit nicht mehr als „sittenwidrig“, sondern als Dienstleistung. Prostituierte haben die Möglichkeit, sich in der Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung anzumelden. Zwei Jahre zuvor hatte Schweden Prostitution verboten; bestraft werden seither die Kunden von Sexarbeit.“

Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/prostitutionsgesetz-guetesiegel-fuer-bordelle/10334474.htmlie

7 https://www.nachdenkseiten.de/?p=25168

8 Ein Panoptikum ist ein Design für ein Gefängnis, in dem ein Wächter von der Mitte aus alle Gefangenen beobachten kann. Der Begriff wird heute oft als Synonym für die globale Massenüberwachung verwendet.
Ein Bannoptikum ist in diesem Sinne ein Gefängnis, in dem die Insassen verbannt, das heißt für die Außenwelt nicht mehr sichtbar sind. HartzIV ist ein solches System.

9 Interview Zeit Online:
https://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/05/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus

10 Rainer Mausfeld (2018): Warum schweigen die Lämmer? S. 17f

11 https://www.rubikon.news/artikel/der-andere-krieg

12 Derrick Jensen (2006) Endgame Vol 1: The Problem of Civilization S. IX

  1. Aric McBay, Lierre Keith and Derrick Jensen (2011): Deep Green Resistance: Stategy to Save the Planet S. 73
  2. https://dgrnewsservice.org/resistance/strategy/towards-a-revolutionary-ecology-an-interview-with-max-wilbert/
  3. Derrick Jensen (2006) Endgame Vol 1: The Problem of Civilization S. XI
  4. Ich schlage diesen vom englischen classism übernommenen Begriff als Alternative zum etwas sperrigen Klassenrassismus vor.
  5. https://www.rubikon.news/artikel/der-andere-krieg
  6. „Das jetzt gültige Prostitutionsgesetz entstand unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder (SPD) und ist seit Januar 2002 in Kraft. Es gilt als eines der weltweit liberalsten – was ihm den Vorwurf einbrachte, Deutschland zum „Bordell Europas“ gemacht zu haben. Seit 2002 gilt Sexarbeit nicht mehr als „sittenwidrig“, sondern als Dienstleistung. Prostituierte haben die Möglichkeit, sich in der Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung anzumelden. Zwei Jahre zuvor hatte Schweden Prostitution verboten; bestraft werden seither die Kunden von Sexarbeit.“ Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/prostitutionsgesetz-guetesiegel-fuer-bordelle/10334474.htmlie
  7. https://www.nachdenkseiten.de/?p=25168
  8. Ein Panoptikum ist ein Design für ein Gefängnis, in dem ein Wächter von der Mitte aus alle Gefangenen beobachten kann. Der Begriff wird heute oft als Synonym für die globale Massenüberwachung verwendet.
    Ein Bannoptikum ist in diesem Sinne ein Gefängnis, in dem die Insassen verbannt, das heißt für die Außenwelt nicht mehr sichtbar sind. HartzIV ist ein solches System.
  9. Interview Zeit Online:
    https://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/05/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus
  10. Rainer Mausfeld (2018): Warum schweigen die Lämmer? S. 17f
  11. https://www.rubikon.news/artikel/der-andere-krieg
  12. Derrick Jensen (2006) Endgame Vol 1: The Problem of Civilization S. IX

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