Solidaritätsrichtlinien

Feministische Solidaritätsrichtlinien

Entwickelt von der Feministischen Solidaritätsgruppe von Deep Green Resistance unter Anleitung des Frauen-Ausschusses.

Einleitung

Als eine eigene Klasse haben Männer ein tief verwurzeltes Machtsystem entwickelt – genannt Patriarchat – , um die Ausbeutung der Körper, Arbeitskraft, Zeit, Kinder aller Frauen zu naturalisieren. Das Patriarchat besteht aus einem ineinandergreifenden System sozialer, ökonomischer, politischer, rechtlicher und kultureller Strukturen, konzipiert, um Frauen zu Gunsten der Männer zu unterdrücken. Dieses System versorgt Männer in jedem Aspekt unseres Lebens mit Privilegien; wir sind direkte Begünstigte. As Männer verwechseln wir diese Privilegien häufig mit natürlichen Rechten.

Es reicht nicht aus, das wir „gute Männer“ sind. Es reicht nicht aus, dass wir persönlich Frauen nicht ausbeuten. Es reicht nicht aus, dass wir persönlich pflichtbewusst und respektvoll mit Frauen umgehen. Es reicht nicht aus, dass wir Gleichheit in unseren Beziehungen mit Frauen aufrecht erhalten. Obgleich all diese Dinge wichtig sind, stellt der Fakt, sich persönlich absolut unterdrückenden Verhaltens zu enthalten, das Patriarchat nicht als ein Machtsystem infrage. Grundlegender Anstand fordert, dass wir Seite an Seite mit den Frauen daran arbeiten, das gesamte patriarchale System zu entwurzeln und auseinander zu nehmen – in uns, in unseren Gruppen und Gemeinschaften, und innerhalb der Institutionen und der Kultur als Ganzes.

Die folgenden Richtlinien sind dazu gedacht, männliche Aktivisten von DGR dazu zu ermutigen, ihr Verhalten zu ändern, und sich so besser mit den Frauen zu verbünden. Als männliche Aktivisten wurden wir in einer Kultur der Herrschaft sozialisiert, und sind genau so anfällig dafür, Patriarchat zu befördern, praktizieren und reproduzieren. Behalte im Hinterkopf: ein Verbündeter zu sein, ist mehr ein fortlaufender Prozess, als ein Titel, den man sich verdient; es muss immer durch Frauen definiert werden, die durch die täglichen Handlungen und Verhaltensweisen eines Mannes ermitteln werden, ob er tatsächlich ein guter Verbündeter ist.

Richtlinien

    1. Lerne, zu schweigen, dich zurückzuhalten, bescheiden zu sein, und der Stimme einer Frau zuzuhören. Sei dir subtiler Arten und Weisen bewusst, in denen du Frauen Wert absprichst oder sie unfair behandelst.
    2. Höre zu, was individuelle Frauen sagen. Nimm zur Kenntnis was sie sagen und antworte in angemessener Weise. Respektiere Frauen genug, um nicht mit ihnen einer Meinung zu sein, anstatt so tun, als wärst du mit etwas einverstanden, mit dem du offensichtlich nicht einverstanden bist. Wenn du einverstanden bist, mache das deutlich.
    3. Wir müssen der Leitung der Frauen folgen und Problemen Priorität geben, die von Frauen angebracht werden oder Frauen betreffen. Die Kultur, zu der wir uns hinbewegen wollen, ist Frauen-zentriert: wir sollten uns selbst in diese Richtung bewegen. Mache es zur Priorität, Frauen in Machtpositionen zu haben, und unterstütze führende Frauen. Dazu gehört es, zu erkennen, wie Frauen in Führungspositionen vergegenständlicht und zum Schweigen gebracht werden, und Null Toleranz für solcherlei Verhalten zu zeigen.
    4. Es ist für uns unangemessen als Autoritäten über Themen zu sprechen, die Frauen direkt erleben. Als Männer verstehen wir diese Erfahrungen nicht und können diese auch nicht verstehen. Wenn wir überhaupt über solche Themen sprechen, dann sollte dies erst sein, nachdem Frauen darüber gesprochen haben oder uns dazu aufgefordert haben. Und nie aus unserer eigenen Perspektive.
    5. Wir müssen unsere eigenen patriarchalen Verhaltensformen in Frage stellen, wie zum Beispiel Verhaltensmuster, die Frauen zum Schweigen bringen oder abwerten, sowie patriarchalen Sprachgebrauch ( wie z.B. Hassreden, Witze, die sich aus Erniedrigung und Abwertung speisen, als auch männlich bestimmte Allgemeinheiten wie z.B. „mankind“, „manpower“ oder „Hey Mann“).
    6. Konsumiere weder Pornographie noch Prostitution. Befreie deine Sexualität von den patriarchalen kapitalistischen Strukturen, die Frauen ausbeuten. Sprich das Problem der sexuellen Ausbeutungsindustrie laut an.

  1. Stelle Anspruchsberechtigungen in Frage. Frauen sind Männer nichts schuldig, auch kein Lächeln, ein Gespräch, eine Umarmung, eine Beziehung oder Intimität jeglicher Art. Männer haben nicht das Recht, Platz auf Kosten der Behaglichkeit oder persönlichen Grenzen der Frauen ein- oder wegzunehmen.
  2. Kritisiere sexistische Verhaltensweisen bei deinen Freunden, deiner Familie, Kollegen und politischen Verbündeten. Beende Beziehungen zu Männern, die damit fortfahren, Sexismus zu unterstützen und zu praktizieren. Wir benötigen keine Genehmigung, Männer wegen patriarchalen Verhaltens zur Ordnung zu rufen; es ist die Grundlage unserer Verantwortlichkeit. Männer in ausschließlichen Männerorten- und -gruppen zurechtzuweisen ist eine Priorität.
  3. „Mansplaining“ wird nicht toleriert. Mit „Mansplaining“ meinen wir männliche Rede, die arrogant, bevormundend oder herablassend agiert, oder in anderer Weise auf Frauen herabsieht und versucht, den männlichen Redner höher zu stellen.
  4. Trotzdem das Patriarchat auch Männer auf gewisse Weise verletzen kann, so sind doch das eigentliche Angriffsziel die Frauen. Das heißt, wir können uns durch Männlichkeit verletzt fühlen, aber wir werden nicht dadurch unterdrückt.
  5. Wir müssen uns mit Problemen vertraut machen, die Frauen betreffen, sowie mit feministischer Theorie und Geschichte. Wir können nicht erwarten, mit feministischem Verständnis der gefüttert zu werden.
  6. In der dominanten Kultur sind Männer die Täter bei Belästigung und Gewalt. Viele Frauen sind Überlebende dieser Gewaltformen – Studien schätzen das fast ein Drittel aller Frauen von Männern sexuell angegriffen oder geschlagen wurden, und viele Frauen sagen, dass diese Zahlen niedrig geschätzt sind. Keine Frau hat die Verantwortung, anzunehmen, dass es sicher ist, in der Gesellschaft von Männern zu sein.
  7. Wir sind nicht da, um Frauen zu retten oder befreien. Wir sind nicht da, um Helden zu sein. Wir sind nicht da, um die Beschützer von Frauen zu sein; Frauen können sich selbst schützen. Unser Job ist es nicht, Frauen zu beschützen; sondern ihre Wünsche zu respektieren und solidarisch mit ihnen daran zu arbeiten, das Patriarchat zu demontieren. Wenn wir diese Rollen gegen den Willen der bestimmten Frauen, die in eine Situation involviert sind, einnehmen, verletzen und überschreiten wir Grenzen.
  8. Die oben angeführten Richtlinien stellen eine Grundlage für akzeptables Verhalten dar. Sie zu befolgen, ist nichts außergewöhnliches und verdient keine Belohnung. So wird im Umkehrschluss die Wahl, sexistisches Verhalten zu ignorieren als ein Akt der Kollaboration mit der Kultur männlicher Herrschaft angesehen.

 

 

Richtlinien für Solidarität mit Indigenen

Einleitung

Es ist wichtig, dass Mitglieder von SiedlerInnenkulturen sich mit indigenen Gemeinschaften verbünden, die für ihre Rechte und ihr Überleben kämpfen, aber es gibt richtige und falsche Wege, Solidarität auszudrücken. Die folgenden Richtlinien wurden von Mitgliedern von Deep Green Resistance mit der Hilfe von indigenen AktivistInnen zusammengestellt. Sie stellen kein komplettes „Handlungshandbuch“ dar – jede Gemeinschaft und jede Situation ist anders – aber sie können dir hoffentlich helfen, effektiv und respektvoll zu handeln.

Richtlinien

  1. Zunächst einmal müssen wir anerkennen, dass in vielen Weltgegenden Nicht-Indigene gestohlenes Land besetzen, was einen Teil eines seit Jahrhunderten anhaltenden Völkermords darstellt. Wir müssen unsere Pflicht anerkennen, indigenen Gemeinschaften beizustehen, die Unterstützung wollen und ihnen helfen, so gut wir können, ihr Land und ihre Kultur vor weiterer Zerstörung zu schützen; sie kämpfen seit Jahrhunderten an vorderster Front gegen den Mord an Völkern und Lebewesen und als Verbündete müssen wir vortreten und ihnen beistehen.
  2. Du bist aktiv im Bereich der Indigenen-Solidarität nicht aus Schuldgefühlen heraus aktiv, sondern aus einem wütenden Verlangen, unterdrückerische koloniale Machtsysteme zu konfrontieren.
  3. Du hilfst indigenen Menschen nicht, sondern bist da, um dich mit ihnen zu verbünden und an ihrer Seite gegen diese Machtsysteme zu kämpfen. Du musst gewillt sein, dich ihnen körperlich entgegenzustellen.
  4. Erkenne, inwiefern du Mitglied einer Siedlerkultur bist und welche Privilegien dir das einbringt.
  5. Du bist nicht hier, um wie auch immer geartete kulturelle, spirituelle oder religiöse Bedürfnisse zu stillen, sondern um politisch aktiv zu sein. Denke daran, dass deine politische Botschaft sekundär ist gegenüber dem konkreten Kampf, um den es geht.
  6. Benutze niemals Drogen oder Alkohol, während du mit Indigenen-Solidarität beschäftigt bist. Niemals.
  7. Hör mehr zu als du redest, du magst vielleicht erstaunt sein, was es alles zu lernen gibt.
  8. Erkenne an, dass es Indigene gibt, die nicht wollen, dass du an ihren Zeremonien teilnimmst. Sei bescheiden und dräng dich nicht auf.
  9. Erkenne an, dass du und deine indigenen Verbündeten eventuell in der Minderheit sind, was einen Kampf angeht, den es sich zu kämpfen lohnt.
  10. Arbeite mit Integrität und Respekt, sei vertrauenswürdig und tue, was du versprochen hast.

 

Richtlinien für die Solidarität mit Farbigen

 Entwickelt von weißen Deep Green Resistance-Mitgliedern unter Beratung des Farbigen/PoC-Ausschusses.

Einleitung

Weiße Vorherrschaft ist ein Machtsystem, das heute ebenso aktiv ist wie in jeder anderen Zeit der Geschichte dieser Kultur. Als weiße AktivistInnen sind wir in eine Kultur der Unterdrückung sozialisiert worden und praktizieren oftmals Rassismus, den wir auch in unserer Arbeit reproduzieren. Rassismus ist eine Bedrohung der Gesundheit und des Fortbestehens aller Gemeinschaften, auch von solchen politischer Art. Daher bitten wir alle weißen AktivistInnen, sich in jedem Aspekt ihres Lebens, politisch oder nicht, zu verpflichten, den Rassismus zu zerstören, auf persönlicher wie auf kultureller Ebene. Gemeinschaften von Farbigen allein können weiße Gemeinschaften nicht von außen ändern und es ist auch nicht ihre Pflicht.

Wie Stokely Carmichael sagte: „Weiße müssen anfangen, [anti-rassistische] Institutionen unter Weißen aufzubauen und das ist, denke ich, die wirkliche Frage, mit der weiße AktivistInnen heute konfrontiert sind: können sie tatsächlich die Institutionen unterwandern und zerstören, die uns alle in diese Falle gelockt haben, in der wir seit 100 Jahren sitzen?“ Als Verbündete von Farbigen und ihren Gemeinschaften müssen wir uns zu dieser Arbeit verpflichten. Die folgenden Richtlinien sind dazu gedacht, weiße AktivistInnen anzuhalten, Rassismus aus ihrem Verhalten und ihrer Sprache zu eliminieren, um Farbigen bessere Verbündete sein zu können.

Richtlinien

  1. Wir verstehen, dass wir als Weiße, die in einer von Weißen beherrschten Gesellschaft aufgewachsen sind, RassistInnen sind. Es ist unmöglich, daran zu arbeiten, den Rassismus abzuschaffen, ohne zuzugeben, dass uns ein tiefsitzender Rassismus von Kindheit an anerzogen wurde. Weiße AktivistInnen müssen sich dafür nicht schuldig fühlen, vielmehr sollten wir uns verpflichtet fühlen, den Rassismus zu zerstören, sowohl in uns selbst wie auch außerhalb.
  2. Unter AktivistInnen zeigt sich Rassismus nicht immer in Wut- oder Gewaltausbrüchen; häufiger findet er sich in alltäglicher Sprache, in Interaktionen und Annahmen, die letztendlich Farbige mundtot machen und entwürdigen. Arbeite daran, die Stimmen und Entscheidungen von Farbigen zu respektieren und ihnen zuzuhören.
  3. Unterstütze, ermutige und respektiere die Führung durch Farbige aktiv.
  4. Biete AktivistInnen, die in Farbigengemeinschaften arbeiten, Unterstützung und Hilfe an. Anerkenne und respektiere den Vorrang von Notfällen in diesen Gemeinschaften an.
  5. Tritt den Anstrengungen von FaschistInnen und Gruppen, die für weiße Vorherrschaft eintreten, entgegen.
  6. Habe die Demut und den Mut, dich selbst herauszufordern und von anderen über Rassismus und weiße Vorherrschaft zu lernen.
  7. Erzähle keine rassistischen Witzen und heiße sie auch nicht gut. Benutze keine rassistischen abwertenden Begriffe. Sprich nicht in stereotypen Dialekten, die einer ethnischen Gruppe zugeschrieben werden.
  8. Kritisiere rassistisches Verhalten bei deinen FreundInnen, deiner Familie, deinen MitarbeiterInnen und deinen politischen Verbündeten. Wenn es angemessen ist, beende Beziehungen zu Personen, die weiterhin Rassismus praktizieren oder gutheißen.
  9. Rede über Rassismus mit jungen Menschen, die du kennst. Hilf ihnen, Rassismus zu identifizieren und zu konfrontieren, bessere Verbündete für Farbige zu werden und daran zu arbeiten, die weiße Vorherrschaft zu beenden.
  10. Verpflichte dich zu fortwährender Selbstbildung zum Thema Geschichte und Theorie der rassistischen Unterdrückung. Sprich nicht als Autorität über Themen, mit denen Farbige direkte Erfahrungen haben und du nicht. Wenn du überhaupt über solche Themen sprichst, solltest du es nur tun, wenn Farbige dich darum bitten.
  11. Die Kraft der weißen Vorherrschaft wird zum Großteil durch Institutionen aufrecht erhalten (Wohnungspolitik, Bildung, Rechtsprechung, Bankwesen, Kultur, Medien, Bergbau, usw.) und nicht nur durch einzelne rassistische Personen. Unsere hauptsächlichen Anstrengungen zwecks der Beendigung des Rassismus gehen darüber hinaus, uns einzelnen RassistInnen entgegen zu stellen; letztendlich müssen wir rassistische Institutionen und Kultur konfrontieren.
  12. Verstehe, dass du dich, wenn du dich entscheidest, gegen Rassismus und Imperialismus zu kämpfen, einem langwierigen, jahrhundertealten Kampf anschließt, bei dem Indigene und Farbige immer an vorderster Front standen. Als Weiße müssen wir jenen, die diese Geschichte am eigenen Leib erlebt haben, erlauben, unseren Widerstand zu prägen.
  13. Die oben dargelegten Richtlinien stellen einen Vergleichswert für akzeptables Verhalten dar. Ihnen zu folgen ist nichts Besonderes und nichts, was eine Belohnung wert ist. Rassistisches Verhalten zu ignorieren wird als Kollaboration mit der Kultur der weißen Vorherrschaft gesehen werden.